Da dachte sie an den Rabenvater, und wie sie ging und stand lief sie den Wiesenabhang hinab und kam bald heiß und verwirrt auf dem stillen Hofe an.

Vieler Worte brauchte es nicht. Der alte Bauer mit den eigentümlich hellen Augen verstand sie gleich, er hatte Zeit, er hatte den Willen zu helfen, und er half.

Fünf Tage lang war das Haus ohne Herrn, und niemand merkte es. Nach fünf Tagen kam Herr de Charreard zurück, ein wenig blaß und müde und herzhaft verdrossen. Des Herzogs Bernhard Bruder war da gewesen, und es hatte ein scharfes Trinken gegeben. Und als der Hausherr heimritt, wieder unter den nun längst verblühten Linden dahin, kam ihm sein Einzug in den Sinn, und er fühlte, er hatte seine junge Hausfrau zu bald alleingelassen. Auch an die Arbeit dachte er, und daß nun wohl eine ziemliche Verwirrung entstanden sein würde.

Er hielt sein Pferd an. Sein Diener war noch ein gutes Stück zurück und mit leiser Trauer über sich selbst sah der Mann in das friedliche Tal hinab. Da kam ihm des Wegs der alte Rabenvater entgegen. Der grüßte ehrerbietig und doch mit viel Würde in seiner Haltung.

»Wo kommt Er her?« Des Gutsherrn Stimme klang mißmutig. Der Alte hatte etwas in Blick und Gebärde, das ihn reizte. Wie der Werktag selbst, der vollgerüttelte ehrliche Arbeitstag sah er aus, und da er nicht gleich antwortete und doch über Pösener Grund ging, herrschte Monsieur Anthoine ihn schärfer an: »Wo kommt Er her, rede Er doch?«

»Vom Mähen drüben am Hähnchen,« antwortete der Alte gelassen und zeigte mit der Hand nach dem Waldberg hinüber. Wirklich, da stand das Kornfeld nicht mehr in goldner Flut, in Garben stand es aufgeschichtet.

Dem Gutsherrn stieg es heiß ins Gesicht. »Wer hat's Ihm geheißen?« schrie er den Bauer an.

»Die gnädige Frau!« Der Rabenvater sah mit seinen hellen Augen klar dem Herrn ins Gesicht. »Gnaden haben nicht gewußt, was zu tun war für die Knechte, und da haben Gnaden mich geholt, wie mich die gnädige Frau von Nesselrode oft geholt haben.«

Anthoine de Charreard sah verlegen an dem alten Bauern vorbei. Er wußte es plötzlich, es war jetzt keine Zeit für einen Landmann, davonzureiten; schon wollte er dem Pferde die Sporen geben und ohne Wort und Gruß an dem Alten vorbeitraben, doch es war, als hielten dessen helle Augen ihn fest, er sagte: »Also Dank für die Hilfe – ich frage morgen mal bei Ihm nach.« Er nickte dem Bauern zu und ritt heimwärts. Sein Reitknecht hatte ihn inzwischen erreicht und als er vor das Haus ritt, meinte er, die Türe müsse sich auftun und Sophia Christine ihm mit Jubel entgegeneilen. Doch nichts geschah, im Haus blieb es still, auf dem Hof gackerten nur ein paar Hühner. Er stieg ab und öffnete die Haustüre, kühl wehte es ihm entgegen und seine Stimme dröhnte im weiten Flur.