Da öffnete sich denn freilich flugs die Seitentüre, zwei Mägde kamen angelaufen, sie knixten, sahen verlegen drein, eine hielt die Schürze vor das Gesicht, denn sie alle hatten eine ungeheure Ehrfurcht vor dem feinen und schönen Gutsherrn.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe Herr Anthoine aus dem Gestammel heraushörte, seine Frau wäre in der kleinen Hauskapelle. Ach so, es war ja morgen Sonntag und der, an dem der Prediger aus Bucha die Andacht hier hielt. Das kam ihm in den Sinn, als er mit gedämpftem Schritt zu der Kapelle ging. Als er die Tür zu der Empore auftat, sah er seine Frau auf den Altarstufen sitzen. In ein paar Zinnkannen blühten die letzten lichtroten Malven auf dem kleinen Altar, sie standen im Glanz der hereinfallenden Sonne, und auch das Gesicht Frau Sophia Christines war vom hellen Licht umflossen. Herr Anthoine de Charreard staunte seine junge, zarte Frau an. Es lag ein fremder, schöner Ausdruck auf ihren Zügen, das Kindhafte, Scheue war verschwunden, als lägen Jahre zwischen ihrem letzten Zusammensein, nicht fünf Tage, so war es.

Sophia Christine hob den Kopf. Sie hatte die Schritte vernommen und wußte, wer da kam. Ein Lächeln grüßte den Mann. Kein Mißmut, kein Ärger über sein langes Fortbleiben, und als er, beschämt fast von der sanften Güte, die Treppe hinabstieg und sich eilte, die Frau zu grüßen, strahlten ihm ihre Augen entgegen, und sie sagte schlicht und fromm: »Gott will uns ein großes Glück geben, lieber Mann, er will uns ein – Kind schenken.«

Das einfache Wort zwang den Mann auf die Knie neben seine Frau. Sie sprachen froh zusammen von kommenden Tagen, von ihrer Lust und ihrer Freude, und Herr Anthoine sagte: »Gibt Gott uns einen Sohn, so wird er hoffentlich heimkehren können nach Frankreich.«

Sophia Christine schüttelte sacht den Kopf, sie antwortete sanft, ohne Widerspruch in der Stimme: »Ich wünsche meinen Kindern keine schönere Heimat als dieses stille Tal.«

»Du kennst sie nicht, die schönen Ufer der Loire, du kennst nicht meine schöne Heimat. Du würdest sie diesem –« er stockte – sein Blick ging zur offenen Türe hinaus und er sagte das Wort ›armselig‹ nicht. Er sah drüben den Berg ansteigen, oben von dunklem Wald gekrönt, er hörte den Bach klingen und sah den Himmel blau über dem Tale stehen, und er dachte an die Flucht und an die Heimatlosigkeit seiner Jugend, und er umschloß nur fest die Hand Sophia Christines. Schweigend saßen sie beisammen im Glanz der Sonne, sie hörten ihre Herzen reden. –


Es rann noch mancher Tropfen Regen in das einsame Tal hinab und schwellte den Bach, noch viele Arbeitsstunden kamen und noch mancher Sorgentag. Es wurde Herbst, der Winter kam, endlose Wochen, in denen Pösen eingeschneit lag. Endlich brausten die Frühlingsstürme um das Haus, und Herr de Charreard ging über den Speicher mit dem alten Rabenvater und der sagte: »Knapp wird's zulangen.«

Der goldene Feldsegen war nicht allzu reich gewesen, es galt zu sparen an allem, was zu des Lebens Notdurft gehörte. Noch hatte der neue Besitzer nicht mehr Vieh anschaffen können, und es gehörte der ganze hoffnungsfrohe Mut Sophia Christines dazu, um jeden Morgen heiter zu grüßen. Ihr Mann verzagte leichter. Ein paarmal ritt er im Mißmut nach Jena, doch war seine Abwesenheit immer nur kurz, und wenn er wiederkam und von den Linden aus das Haus im Grunde liegen sah, war es doch immer Heimatfreude, die ihn bewegte. Und dann kam er einmal von einem Hoffeste heim, zu dem der Herzog ihn so dringlich geladen hatte, daß er nicht fern bleiben konnte, und als er in sein Horn blies um seine Ankunft zu melden, kam Sophia Christine nicht wie sonst, ihn zu grüßen.

Es war schon Frühling. Grüne Seidenfahnen wehten über Baum und Sträucher. Die Schwalben tanzten in der silberklaren Luft, die Erde strömte erfrischten Atem aus und Herr Anthoine de Charreard vergaß ganz die grünen Loireufer, so stark war das Gefühl: »Hier bist du zu Hause.«