Ihr Mann, ihre Kinder, ihr Haus im stillen Tal waren ihre Welt; die Weite draußen lockte sie nicht, die war nicht so groß wie ihr Glück. Der einzige Schatten, der dies helle Glück manchmal trübte, war das Bemühen ihres Mannes, besonders den Sohn zu einem echten Franzosen zu erziehen. Mit ihm sprach er nur französisch, und der kleine Anthoine bekam sehr viel von dem einstigen Glanz der Charreards zu hören. Doch die Loire war weit und das Bächlein, die Leutra genannt, war nahe, also spielte der Bube mit den Schwestern am Bach und der kam ihm mindestens so gewaltig vor wie die Loire.
Und wie herrlich war es, am Bach entlang zu laufen, manchmal sogar innen von Stein zu Stein zu springen, bis endlich der Rabenhof erreicht war. Dort gab es ein eiliges Klettern am losen Gartenzaun des Rabenvaters entlang, und auf einmal tauchten vor dem Fenster des Bauernhauses drei lachende Kindergesichter auf und über das düstere Gesicht des Rabenvaters glitt ein heller Schein. Seine Stimme hatte noch einen leisen Frohklang, wenn er rief: »Mutter se sind doe!«
Dann kam die Rabenmutter, und die drei Charreards saßen vergnügt als Ehrengäste auf der Wandbank. Ein Glas Milch, ein Stückchen Käsebrot, ein paar Nüsse dünkte ihnen ein Festessen zu sein. Daheim gab es außer den Mahlzeiten nichts, und die drei waren doch etwas wie Spätzlein, es schmeckte ihnen immer.
Und dann gab es eine Unterhaltung. Seltsam genug. Zu den drei Schelmen redeten die alten Leute von ihrem abgrundtiefen Leid, von der vergangenen Not, und Jeannettchen konnte kaum richtig reden, als sie das erstemal von den entführten Kindern hörte und das Trostwort sprach: »Sie komme vielleicht wieder.«
»Nach über zwanzig Jahren!«
Der Rabenvater schüttelte den Kopf. Die Rabenmutter wischte sich über die Augen. Ja, in den ersten Jahren hatten sie noch an ein Wiederkommen geglaubt, aber jetzt nicht mehr. Doch war es wunderlich. Jedesmal wenn Jeannettchen ihr kindliches Trostwort sagte, sank ein leiser Hoffnungsstrahl in die Herzen der beiden Alten. Und um dieser leisen zitternden Hoffnung willen erzählten sie immer wieder die Geschichte.
Frau Sophia Christine sorgte sich nicht um ihre Kinder, wenn die vom Wäldchen an der Quelle bis zum Rabenhof liefen, nur den Weg in den Wald, der dahinter lag, verbot sie ihnen. Aber gerade der Wald lockte die drei mit Märchenzauber. Er begann hinter dem Mühlholz; es lag da still und einsam eine Wassermühle im Grunde, und bei dem Müller und seiner jungen Frau mochten die drei auch gern sein. Es gab da im Hause ein paar semmelblonde Hemdenmätzchen, denen die Merfnerin in Bucha Großmutter war. Und wie bei den Rabeneltern wurden die drei Geschwister auch in der Mühle immer gastlich aufgenommen, aber leider war die Mühle Grenze. Und der Müller, ein durch bittere Jugenderlebnisse hart gewordener Mann, sagte immer streng: »Weiter wird niche gegangen, sonst –« und seine Handbewegung verhieß nichts Gutes.
Als die drei Charreards nun einmal daheim von des Müllers Drohung erzählten, brauste Herr Anthoine auf. Es wäre unerhört, meinte er, Herrenkindern so zu drohen, doch Frau Sophia Christine sagte heiter: »Ich hab ihn gebeten, auf unsere Kinder zu achten. Er tut's eben nach seiner Weise. So weiß ich wenigstens, sie gehen nicht in den Wald.«
Anthoine war neun Jahre alt, seine Schwestern sieben und acht Jahre, als dieses Gespräch stattfand. Der Wald, ach, der Wald, warum man nur da nicht hinein sollte?
Am Nachmittag zogen die drei wieder an die Quelle hinab. Aus einer unbeschreiblichen Angst heraus rief Frau Sophia Christine: »Geht nicht zu weit.«