Es war ein Junitag voll unerhörter Schöne. Vogelsang, blühende Blumen und Sonnenglanz. Da lockte der Bach, es lockte darin von Stein zu Stein zu hüpfen, es lockten Vergißmeinnicht, die pflückbereit am Rande blauten, und es lockte auch den Rabeneltern ins Fenster zu sehen.

Doch wenn man jemand besuchen will, muß der zu Hause sein, und die alten Leute waren an dem schönen Tag schon morgens zu ihren Verwandten nach Schorba gepilgert. Der Rabensohn aber schaffte hinter dem Hause auf einer bergansteigenden Wiese. Er hörte nicht das Klopfen an den Fensterscheiben, sah nicht drei Augenpaare sehnsüchtig in die leere Stube blicken.

Nun blieben noch die Müllersleute. Obgleich dem Buben das Wort des Vaters von den Herrenkindern im Ohre sang, fand er doch, ein Besuchlein in der Mühle, in der man so schön auf Böden und Speichern herumklettern konnte, wäre ganz vergnüglich. Er zog also mit den Schwestern die Straße weiter, die sich abwärts senkte. Dort im Schatten des bergansteigenden Nußholzes lag am rauschenden Bach die Mühle. Gegenüber erhob sich steil und kahl der Eselsberg, und vor den Ankommenden stieg schöner dichter Tannenwald empor. Ein paar mächtige Tannen standen am Rande, wie große ernste Wächter.

Doch das Mühlrad klapperte nicht. Schweigen lag über dem stillen Grunde; da auch die Vögel mittagmüde ihr Zwitschern eingestellt hatten, mischte sich mit dem Rauschen des Baches nur das Summen der Bienen und Zirpen der Insekten. Die Müllersleute waren auf einer Wiese hinter dem Hause, verdeckt von Gebüsch, und so meinten die Kinder, sie wären auch weggegangen.

Das war nun freilich eine Enttäuschung!

Anthoine krauste die Stirn nachdenklich. Wenn man auf Abenteuer ausgeht und erlebt gar nichts, so ist das halt bitter. Jeannettchen wollte weinen, aber Louison rief keck: »Dann gehen wir in den Wald!«

Es ist verboten! Allen dreien klang das Wort im Herzen. Jeannettchen kreischte erschrocken: »Nein, da sind böse Tiere.«

»Ach wo!« In Anthoine erwachte männlicher Mut. Was schadete denn das, so ein bißchen an den Waldrand zu gehen. Seine Freunde – er nannte die älteren Buben stolz Freunde – Adrian Rudolf und Heinrich Wilhelm von Draksdorf ritten doch immer durch den Wald, wenn sie von der Leuchtenburg zu Besuch kamen. Also gefährlich konnte es nicht sein. Sie rühmten sogar immer die große Schönheit des Weges. »Komm!« Anton faßte Jeannettchens Hand, und weil der große Bruder den Weg ungefährlich fand, ging die Kleine mit. Louison aber sprang von Blume zu Blume, wollte Schmetterlinge fangen, sie fand das Waldgehen gar nicht unheimlich.

Neben den Tannen lief eine Schlucht in den Wald hinein, ein schmaler Weg war da, den verfolgten die Kinder, sie freuten sich an den vielen bunten, noch nie gesehenen Blumen, die hier blühten. Auch ein Schmetterling von besonderer Schöne flog vor ihnen her, einmal saß er da, einmal dort. Sie rannten ihm nach und waren auf einmal tief im Walde drinnen. »Wir müssen heimgehen,« rief Anthoine, »kommt schnell.«