Monsieur de Charreard gab seiner fürstlichen Landsmännin das Geleite. Er hoffte, sie würde ihn unterwegs entlassen, aber daran dachte die Herzogin nicht. Sie sah ihn lächelnd neben ihrem Wagen reiten, und bei dem Dorf Ammerbach, das Jena schon nahe war, fragte sie ihn, ob er nicht so weiter ihr Begleiter sein wolle. Als Herr Anthoine sie etwas verwundert anschaute und nicht gleich die rechte Antwort fand, erzählte sie ihm, sie würde nach Paris reisen, um ihre Verwandten zu sehen. Zu ihrem Begleiter habe der Herzog ihn auserwählt, er käme auf diese Weise einmal in sein Vaterland, und König Ludwig, dessen Höflichkeit gegen Damen bekannt sei, würde nichts tun, was ihren Begleiter kränken könne, wenn er auch ein Flüchtling wäre.

Nach Frankreich zurückkehren, Paris sehen, den Traum seines Lebens!

Als der Wagen in Jena einfuhr, hatte Monsieur de Charreard, der Gutsherr von Pösen, sein stilles Glück im Tal vergessen; er sagte ja zu allem, was die Herzogin ihm vorschlug, er sagte auch ja zu dem Verbleiben seiner kleinen Tochter am Hofe. Es war wie ein Rausch über ihn gekommen, er duldete es, daß die Herzogin selbst noch ein Brieflein an die zurückgebliebene Frau sandte, eins, in dem sie höhnisch von dem großen Glück schrieb, das dem Hause Charreard an diesem Tage erblüht sei. »Morgen reise ich heim und Sophia Christine wird einsehen, daß ich nicht nein sagen kann,« dachte der Mann.

Louison weinte sich in den Schlaf. Ihre Sehnsucht nach der Mutter und den Geschwistern war groß, aber niemand kümmerte sich um dieses junge Leid. Die diensttuende Kammerfrau erzählte ihr von den schönen Kleidern, die sie bekommen würde. Aber was kümmerte sich das Landkind um Putz und Tand? Es verlangte wild nach den Lieben daheim und sagte zuletzt trotzig und doch zuversichtlich: »Der Niklas holt mich schon heim, der tut es gewiß.«

Monsieur de Charreard selbst dachte an diesem Abend nicht viel an die Seinen. Aus Weimar war Herzog Wilhelm gekommen, ein junger Landsmann, Raoul de St. Laurent, war mit ihm eingetroffen, da wurde von vergangenen Zeiten und von der bevorstehenden Reise gesprochen. Raoul de St. Laurent schilderte Paris in glühenden Farben, er redete sich heiß, und Herr Anthoine übersah dabei die freche Zudringlichkeit des jungen Herrn, der an einem deutschen Fürstenhof über die Deutschen spottete, der nur ein Land in der Welt gelten ließ, Frankreich.

In Pösen wartete Sophia Christine bang Stunde um Stunde auf Mann und Kind. Sie saß einsam unter der Linde und sah die Nacht kommen. Der Himmel war hell, der Sterne gewaltiges Heer glänzte daran. Aber die Sterne waren weit und das Leid war nahe. Sophia Christine faltete die Hände, sie wollte beten, aber es war nur ein flehendes Stammeln, was über ihre Lippen kam. »Gott, lieber Herre Gott hilf!« Und dabei wußte sie nicht einmal, in welcher Not ihr Gott helfen sollte. Sie ahnte nur die Gefahr, kannte nicht ihr Gesicht.

Und wie sie so saß, ganz eingehüllt in den Frieden der warmen hellen Nacht, hörte sie von fern Hufschlag, sah ein Licht aufglitzern. »Anthoine!« Sie lief dem Kommenden entgegen, meinte, es müsse der Gatte sein, aber dann erschrak sie, als eine fremde Stimme herrisch fragte: ob hier das Kirchlehen Pösen, der Besitz des Monsieur de Charreard liege?

Es war gut, daß die alte Röse in gleicher Herzensangst vor kommendem Unheil im Hauswinkel gehockt hatte. Trotz der vielen Arbeit des Tages lief die Alte doch wie ein Wiesel und plötzlich stand sie, eine Laterne in der Hand, neben ihrer Herrin und sagte barsch, um ihre Angst zu verbergen: »Was will Er?«

Der Mann reckte sich auf seinem Pferd und gab hochmütig Bescheid. Er legte den Brief der Herzogin in Sophia Christinens zitternde Hand, und diese wußte, es war Leid, was ihr der Mann brachte. Sie hielt sich aber aufrecht, stand fein und vornehm vor dem aufgeblasenen Diener, und als er sagte, eine Antwort brauche er nicht, nickte sie und sagte gelassen: »Röse, gib ihm einen Trunk, dann mag er heimreiten.«