Der Bursche knickte zusammen, wurde höflich und untertänig. Er dachte ärgerlich bei sich, des Herrn de Charreards Hausfrau täte so vornehm wie die Frau Herzogin selbst, aber als er in das nun vom Laternenschein erhellte bleiche Gesicht sah, rutschte in seiner Meinung die Frau Herzogin sogar ein Stückchen abwärts. Die hatte ihr böses Lächeln um die schmalen Lippen gehabt, als sie ihm selbst den Brief übergeben. Die Frau de Charreard sah aus wie eine Heilige, fein und fromm, und darum verneigte sich der Bote, nachdem er getrunken und Röses Zehrbrot in seine Satteltasche gesteckt hatte, fast noch tiefer als vor der Herzogin selbst.
Hinter ihm blieb es still. Sophia Christine hielt den Brief in der Hand, er brannte sie wie Feuer und doch wagte sie kaum, das Siegel zu lösen. Endlich tat sie es doch. Röses kleine Laterne warf einen zitternden Schein darauf. Einmal las die junge Frau den Brief, noch einmal, dann brach sie mit einem Wehlaut zusammen. Sie lag unter der Linde wie ein Bäumchen, das der Blitz zersplittert hat, lag da und weinte, und die alte Röse stand stumm dabei. Sie, die schon so viel Kummer gesehen hatte, konnte nicht sprechen, sie wußte, hier weint ein ganz großes Herzeleid.
Am nächsten Tag ritt der Gutsherr von Pösen heim. Der Rausch der fürstlichen Gunst trübte nicht mehr seinen klaren Blick. Frankreich, das Land seiner Jugend, lockte, aber als er an dem Buchaer Hohlweg anlangte und in das Tal hinabschaute, wußte er, das Fortgehen war ein Losreißen von seinem Glück. Er ritt unter den Linden dahin, sie waren verblüht, die Bienen summten nicht mehr durch das Blättergewirr, aber jene, die damals gesagt hatte, so wolle sie werden, hatte ihr Wort gehalten.
Und wieder, wie nach seinem ersten Ritt nach Jena, war Stille und Schweigen um das Haus. Es war wieder ein Sonnabend, wieder war morgen Gottesdienst in der Hauskapelle, wieder stand die Türe offen und wieder fand Anthoine de Charreard den Altar mit Malven geschmückt und sein Weib in der Kapelle. Aber diesmal strahlte ihm kein seliges Glück aus ihren Augen entgegen. Gramfalten gruben sich um den sonst so lachlustigen Mund und ein ganz tiefes Weh lag in den Augen.
Sophia Christine streckte die Arme aus und rief: »Mein Kind! Meine Louison!«
»Es bleibt bei dem Vater, soll Frankreich sehen, seine eigentliche Heimat. Sophia Christine – es ist nur auf ein Jahr.«
»In einem Jahr kann man sich sehr fremd werden,« flüsterte die Frau.
»Wir nicht!« Herr de Charreard rief es aus tiefstem Herzen heraus, denn er fühlte in diesem Augenblick so wie noch nie: Wo diese Frau war, war seine Heimat. Und sacht neigte er sich über sie und sprach gut zu ihr. Er tat das, so viel er konnte, in den wenigen Tagen, die ihm noch blieben, sein Haus zu bestellen. –
Den Bewohnern von Gutshof und Dörfern war es schier unbegreiflich, daß der Herr eine so weite Reise tun wollte. Und unmerklich erst, aber bald ihm fühlbar, schob sich etwas Fremdes zwischen ihn und die Leute. Auch die Kinder waren plötzlich scheu geworden. Sie sehnten sich nach der Schwester, vermißten der Mutter Lachen, und Jeannettchen sagte ganz ernsthaft zu ihrem welterfahrenen Freund: »Niklas, du mußt unsere Louison zurückrauben. Gelt, das tust du?«
»Das Dunderwetter ja, ich tät's schon, aber wenn doch der hochmögende Herr Vater selbst mit auf die Reise gehen. Jeannettchen, den kann ich nit raube. Parbleu, das geht nit!«