Es ging wohl wirklich nicht. Freilich, Abschied nehmen hätte Louison doch können, sie warteten alle darauf. Aber die Frau Herzogin schrieb in einem Brief, das Fräulein de Charreard würde den Abschied unterlassen. Herr Anthoine brauste auf, das durfte nicht sein, er wollte auf der Stelle nach Jena reisen und Louison holen.

»Und sie wieder hinbringen!« Frau Sophia Christine schüttelte leise den Kopf. »Ich weiß, du hast dein Wort gegeben, das mußt du halten, darum mag es bleiben wie es ist.«

Und weil der Mann fühlte, sie hatte recht, und ihr doch gern etwas zu Liebe getan hätte, fragte er: »Hast du noch einen Wunsch, Sophia Christine?«

Die Frau sah ein paar Augenblicke still zum Fenster hinaus. Unten rannten Anthoine und die Buben Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von Dracksdorf ein wenig wild über den Hof, Jeannettchen lief schreiend davon, sie mußte einmal wieder die verfolgte Gräfin spielen. Anthoine brüllte wie ein heiserer Werwolf, und die Mutter dachte: werde ich den Jungen auch zügeln können? Und ganz jäh kam ihr der Gedanke an den einzigen Freund, der ihr in Jena lebte, und sie bat: »Schicke mir den Magister Albertinus als Hofmeister her. »Bitte ihn, er tut es schon, er ist gern hier draußen. An ihm werde ich eine Stütze haben – wenn ich allein bin.«

Sonst hätte der Herr de Charreard sicher sehr viel an dem Magister auszusetzen gehabt als Hofmeister für seinen Sohn. Denn des Magisters Steckenpferd war die Reinigung der lieben deutschen Muttersprache von dem überflüssigen Fremdwörtergewimmel. Er ging darin ein wenig über die Grenzen und riß ganz anmutige wohlklingende Sprachblüten mit Stumpf und Stiel aus. Doch war der alte Herr ein treuer zuverlässiger Mensch; und Zeit, lange zu wägen und zu wählen war nicht mehr. Auch war es dem Gutsherrn selber eine Beruhigung, den anhänglichen, alten Freund im Hause zu wissen, er sagte darum ein Ja und hing keine Ermahnung daran, sondern versprach alles zu tun, um den Magister zum Hinauskommen zu bewegen.

Dann war noch der Abschied zu überstehen.

Vor dem fürchtete sich der fürstliche Reisebegleiter mehr als vor allen Gefahren der Reise selbst. Und dann stand Frau Sophia Christine aufrecht, ohne auch nur eine Träne zu vergießen am Wagen. Hieß die Kinder den Vater umarmen, ließ alles Gesinde freundlich heran und sagte selbst nur einfach: »Gott schütze dich und unser Kind.«

Herr de Charreard war über diesen Abschied etwas gekränkt. So keine Träne zu weinen, das ging doch zu weit. Ach, er hörte nicht die vielen, vielen Tränen im Herzen der Frau rinnen, Tränen, die wie eine Flut den Ausgang suchten und ihn fanden, als der Reisewagen hinter den Linden verschwunden war. Da brach die Frau zusammen. Sie schwankte, wäre gesunken, aber da standen auf einmal die alte Röse und die Rabenmutter neben ihr und führten sie in ihr Zimmer. Und der Freund Niklas reichte Anthoine und Jeannettchen die Hände und sagte: »Kommt, ich erzähl' euch von Frankreich, wohin der Vater fährt, oder von Flandern. Da haben wir uns blutige Köpfe geholt. Parbleu, war eine elende Kampanje.«

»Nicht so was Grausliches,« bat Jeannettchen.