»Und willst doch mit mir ziehen, mich begleiten?«

»Ja, ja, Junker, das ist halt so. Hab' damals im Walde mein Herz an die Charreards gehängt und schätze, es ist besser, Ihr habt einen zur Seite, der all das Grausen kennt.«

»Niklas, du bist ein Querkopf,« rief der Magister empört. »Redest dem Junker immer zu, er soll hinausziehen, und dabei sitzt dir selbst noch das Grausen in den Knochen. Nun mache mir einen Vers darauf.«

»Dunderschlag ja, muß ich alte Kriegsgurgel einem hochgelehrten Herrn Magister noch sagen, daß jeder seine Erfahrungen allein machen muß. Wenn ich dem Junker abreden möchte und die gnädigen Eltern täten es auch und er bliebe hier im Tal, ich schätze, er verquerzelte sein Leben, wär' unzufrieden und wüßt' nit, warum. Das liegt im Blute, die Sehnsucht auszuziehen; das Heimkommen läßt dann erst recht die Heimat lieben.«

Anthoine hatte gar nicht auf das Zwiegespräch gehört. Seine Gedanken flogen, ließen das enge Tal hinter sich und sahen die weite, schöne Welt. Ungeduld brannte in ihm; freilich, der Hofdienst schien ihm bitter, aber er dachte keck: davon komme ich schon los. –

Er sprang auf und rief: »Muß heimgehen,« und dann lief er das Tälchen entlang, hatte heute aber keinen Sinn für seine heimlich-liebliche Schönheit.

Und drei Tage später rollten einmal wieder fürstliche Wagen durch das Dorf Bucha. Lockten da alle Leute aus den Häusern und der jetzt uralte Lemnitzer Karl brömmelte wieder etwas von den Schweden, die kämen, in seinen Ofenwinkel. Im ganzen aber sahen die Bauern scheel die Auffahrt der Wagen mit an. Sie liebten »die Fremde« nicht, ihre sanfte Gutsfrau war ihnen tausendmal lieber, und da die Kunde schon ihren Weg nach Bucha gefunden hatte, die Herzogin wolle den Junker mitnehmen, war die Bitterkeit groß. Von den Frauen, die Sophia Christine zu der Geburt des Erben ihre Glückwünsche dargebracht hatten, waren die meisten noch am Leben. Denen war es zumute, als würde in ihre Rechte eingegriffen. Ihr Grüßen war darum unwirsch und ihre Mienen finster, und die Frau Herzogin Marie verglich die Leute mit ihren Landsleuten und lachte über des Obersten St. Laurent spottende Worte. Auch ein feines, sehr junges Fräulein lachte, sie sah an der Merfin vorbei, bei der sie so manchmal eingekehrt war, sie erkannte die Anne-Marie Schurksin nicht, von deren Obst sie oft gegessen hatte. Louison de Charreard hatte viel, sehr viel von der Heimat vergessen. Einen aber erkannte sie, der wieder in seiner alten Kriegsmannstracht am Hohlweg stand, um die kleine Louison zu grüßen.

Der Oberst St. Laurent, der neben dem Wagen ritt, lachte. »Ein Überrest aus der Schwedenzeit,« spottete er. »Der Mann scheint ausgestopft zu sein.«

Da wehte just der Wind über die Linden hin und der schöne Sommerduft hüllte das Fräulein Louison de Charreard ganz ein und da war es ihr, als ginge sie wieder mit Bruder und Schwester durch den Wald und einer nahm sie alle drei auf sein Pferd, einer, der grimmig aussah und doch so gute Augen hatte. »Es ist der Niklas,« sagte sie plötzlich, neigte sich vor und grüßte den Bauern mit so holdseliger Anmut, daß der vor Staunen wie ein Pfahl stand. So schön war Louison geworden, er meinte schier, ein schöneres Frauenwesen könne es auf der ganzen Welt nicht geben.

Einen Bauern zu grüßen! Der Oberst de St. Laurent krauste die Stirn. Solche törichten, bürgerlichen Sentimentalitäten mußte sich seine Frau abgewöhnen, das war lächerlich, und um Himmelswillen nichts Lächerliches tun. Wenigstens nichts, was die Hofgesellschaft lächerlich fand. –