Aber war im Grunde die schöne Louison nicht auch treu! In ihre Augen war ein Sehnsuchtsblick gekommen, und Sophia Christine zog zum Abschied die Tochter fest an sich: »Hier ist dir immer Heimat, mein Kind. Immer, was auch geschehe!«

Dann rollten die Wagen wieder den Hohlweg hinauf. Zum letztenmal, dachte die Herzogin, der Sohn soll die Heimat vergessen, wie Louison sie vergessen wird. Und sie neigte sich vor, rief den Oberst de St. Laurent an ihren Wagen und redete mit ihm von seiner künftigen Heirat mit Louison de Charreard.

Zwei Tage später verließ Anthoine das Elternhaus und in dem großen Hause wurde es einsam. Der Vater gab dem Sohn das Geleit, und Mutter und Tochter sahen den beiden nach, lange, lange, bis der Hufschlag verklang. Sophia Christine stieg dann in die Kapelle hinab, ihre Tochter ging in den Garten. Sie ging durch ihn hindurch, sah die Blumen sommerlich blühen und ihr junges Herz war ganz erfüllt von Mitleid mit den Geschwistern. Ihr war die Heimat der Inbegriff alles Schönen, kein Gedanke ging von ihr weg, nur bis zu der Leuchtenburg wagte sich manchmal ihr Sinnen und ein Stückchen weiter zu Heinrich Wilhelms Erbgut, aber schon dies dünkte ihr fern zu sein.

Während sie still-versonnen den Garten durchwanderte, hinaus ging bis zu dem kleinen Wald, der die Quelle umgab und in dem alljährlich die ersten Schneeglöckchen erblühten, gab Herr de Charreard seinem Sohne gute Lehren, wie er sich bei Hofe zu verhalten habe. Man war schon über Bucha hinausgeritten, als der junge Anthoine das erste Gegenwort wagte: »Ich hoffe, es dauert nicht lang mit dem Hofdienst, Herr Vater, gegen die Türken möchte ich ziehen dürfen, so es dem Herrn Vater recht ist.«

Anthoine de Charreard sah seinen Sohn etwas verdutzt an. Was war da in aller Stille aufgewachsen, war das noch ein Knabe? Er sah des Buben Augen blitzen, sah seine Hand stark das Pferd meistern, ganz fremd kam ihm der Junge vor. Doch rasch gefaßt redete er davon, daß Kriegsdienste nehmen so übel nicht sei für einen jungen Mann aus gutem Hause. Nur, es müßte die rechte Stelle gewählt werden, und wenn es nach einiger Zeit noch des Sohnes Meinung sei, so würde es wohl gelingen, ihn im französischen Heere unterzubringen. Freilich, die Hoffnungen, die die Hugenotten an die Regierung des vierzehnten Ludwig geknüpft, hätten sich noch nicht erfüllt, immerhin wäre man im Heere duldsam und –

»Wenn es dem Herrn Vater recht ist, zieh ich mit gegen die Türken, so sie wieder anfangen. Das erscheint mir wichtiger,« sprach der Sohn in ein sinnendes Nachdenken des Vaters hinein. Der schwieg, krauste die Stirn, das Neinsagen erschien ihm Unrecht, das Jasagen brachte er nicht fertig, endlich gab er zurück: »Es ist am besten, einen solchen Schritt weislich und klug zu überlegen.«

»Aber dagegen, daß ich Kriegsdienste nehme, ist der Herr Vater nicht.«

»Bewahre, nur –« Der Herr de Charreard kam nicht dazu, den Satz zu enden, denn einer ritt beiden, Vater und Sohn, entgegen, an den sich gleich des Sohnes Widerwillen hing. Es war der Oberst de St. Laurent. Der lächelte freundlich, aber seine Freundlichkeit schien dem jungen Anthoine wie die Schlehbeeren am heimischen Gartenzaun zu sein. Sie lockten und schienen süß und waren doch herber als Essig.

Kurz vor Jena kreuzte noch einer den Weg der Charreards. Der Oberst de St. Laurent sah ihn mißlaunig an, der Herr de Charreard grüßte ihn kühl, aber der junge Anthoine meinte, zu dem kurbrandenburgischen Feldhauptmann Balthasar von Hünefeld könnte er wohl Zutrauen haben. Den schien der unfreundliche Gruß, den die andern ihm boten, nicht zu kümmern, laut begrüßte er sie, schlug dem jungen Anthoine auf die Schulter und rief: »Das wäre ein Junker, wie ich ihn brauchen könnte. Was gilt's, laßt Ihr Euch anwerben, Junker? Es geht sicher bald mal gegen die Türken, eine gute Klinge gilt da was und meines besonderen Schutzes dürftet Ihr gewiß sein.«

»Ein Charreard,« und der Name zischte messerscharf zwischen des Obersten de St. Laurent Lippen hervor, »sucht wohl seine Fortune besser in des Königs von Frankreich Heer. Ich erachte, er erwirbt dort größere Honneurs als einfacher Reiter wie als Fahnenjunker im –«