»Halloh, Herr, ist ihm seine lose Zunge lieb, dann stecke er sie ein, sonst bei meiner Seel möchte sie ihm bald gespalten zum frechen Maule heraushängen.«
»Um Himmelswillen!« Herr Anthoine de Charreard drängte sein Pferd zwischen die beiden, unbekümmert um die zuckenden Klingen. Er sprach liebenswürdig zu dem einen, freundlich zu dem andern, sagte, sein Sohn solle in den Hofdienst –
»Und wenn es ihm da nicht gefällt, zu wem schlägt er sich da?« Herr de St. Laurent spottete, er erwartete keine andere Antwort als die »auf Frankreichs Seite«, aber Herr Anthoine de Charreard hatte zu lange Hofdienst getan, als daß er es nicht verstanden hätte, einer Wage Zünglein in der Schwebe zu halten. »Dann mag mein Sohn selbst nach Herz und Neigung entscheiden, ich gebe ihm die Wahl frei,« antwortete er und hegte in seinem Herzen die gleiche Zuversicht, wie der Oberst. Wie konnte ein Charreard anders wählen!
»Ein Mann, ein Wort, Ihr habt Euerm Sohn freie Wahl gegeben, Monsieur de Charreard. Bin neugierig, auf welche Seite sich der Junker einst schlägt.« Der stahlgrauen Augen Blick umfing den jungen Anthoine klar und zwingend, und dann ritt der Herr Balthasar von Hünefeld weiter. Er war in Petersberg bei seinen Verwandten zu Gaste.
Der Oberst de St. Laurent hielt ihm eine üble Nachrede und je schlimmer die klang, je fest umrissener trat das Bild des Geschmähten vor die Seele des jungen Anthoine. –
[11. Kapitel.]
Der Junker Anthoine kam sich in den nächsten Wochen wie verzaubert vor. Es war aber ein böser Zauber, der ihn umfangen hielt. An dem kleinen Hof des Herzogs von Jena war all das törichte Tun, all die Gespreiztheit und das Wichtignehmen der einfachsten Dinge Mode, wie es die Herzogin Marie in Frankreich gelernt hatte. Dahinein kam der Junker, der bisher noch nie sein stilles Tal verlassen hatte. Doch sein Dortsein war nur kurz. Es genügte nur, um ihm einen herzhaften Widerwillen gegen dies oberflächliche Leben beizubringen, ihn von seiner Schwester Louison innerlich zu trennen, ihm dagegen noch mehr die Liebe der kleinen Prinzessin Elisabeth Marie zu gewinnen.
Man hatte just das Prinzeßchen mit einem Vetter verlobt, doch der gefiel der Kleinen viel weniger als Anthoine de Charreard, und sie war eigentlich das einzige Licht, das in des Junkers dunkle Tage hinein schien. Wie oft stand er an seinem Kammerfenster, schaute sehnsüchtig zu den Bergen hinüber und suchte in Gedanken das stille Heimattal. Er wäre arg gern wieder heimgeritten. Doch er schämte sich, so schnell von diesem ersten Flug in die Welt heimzukehren. Und dabei spürte er es in jeder Stunde: er war mehr zum Spott am Hofe, als Nützliches zu schaffen. Er war zu klug, um nicht das verhaltene Lachen zu sehen, wenn er wieder einmal eine Ungeschicklichkeit begangen hatte. Er, der daheim so sicher den Boden unter sich gefühlt hatte, merkte, hier schwankte alles. Bei jeder Verneigung, die er zu machen hatte, brach ihm der Angstschweiß aus, sollte er gar eine höfliche Redeblüte einer Dame zu Füßen legen, dann polterte er los, wie ein Kriegsknecht, der schon dreißig Jahre im Schlachtgetümmel gewesen war. Mal redete er hoch, mal tief, sprachen alle, klang seine Stimme leise, sollte er flüstern, rutschte sie ihm aus. Sollte er links stehen, stand er rechts, und wenn sein Platz ihm rechts angewiesen war, kam er auf irgendeine ihm unerfindliche Weise links zu stehen.