Der Tage Kränkungen und Verlegenheiten waren endlos.
Dazu der Herzogin Lust an bitterem Spott. Ihre Damen folgten gern ihrem Beispiel, und Louison de Charreard, die sich des linkischen Bruders schämte, tat mit. Sie tat es und weinte dann wohl heiße Tränen über ihr törichtes Tun. Doch am beißendsten war der Hohn des Herrn de St. Laurent. Der gedachte mit Hohn und scharfen Sticheleien den Junker dahin zu treiben, wohin er ihn haben wollte, und trieb ihn doch auf die andere Seite.
Doch ehe der Junker Anthoine noch wußte, was er tun sollte, ob er den Eltern daheim seine Not klagen oder verschweigen sollte, starb der Herzog Bernhard an einem hitzigen Fieber. Kaum drei Wochen war der junge Anthoine am Hofe. Alles versank nun in tiefe Trauer. Die Frauen hüllten sich in weit schleppende schwarze Gewänder, und die junge Louison sah unendlich lieblich aus mit ihrem zarten Gesicht so umschleiert von dem tiefen Schwarz. Sie war auch herzlich betrübt, sie hatte den guten Herzog, trotz mancher seiner Schwächen wie einen Vater geliebt. Sie wäre in diesen Tagen gern dem Bruder näher gekommen, doch der ging verstört und stumm einher. Er merkte es rasch, für ihn war kein Platz mehr am Hofe, denn die Herzogin war nicht in solcher Vermögenslage, um sich noch müßige Hofjunker zu halten. Der Kammer-Sekretarius Dressel zählte dem Junker an den Fingern das Leibgeding der Herzogin her und bewies ihm klar, daß außer einem Hofmeister und zwei Pagen keine Herren von Adel mehr Platz hätten am Hof. »Schaut Euch beizeiten um, Herr Junker, es wird hier ein ärmliches Leben werden.«
Da ritt der Junker denn eines Morgens – es war im Juni, am zwanzigsten sollte des toten Herzogs Beisetzung stattfinden – kurzerhand nach der Dornburg, wo er den Herrn von Hünefeld bei der Gräfin Emilie von Allstädt zu Gaste wußte, und gab dem den Handschlag, einzutreten in das kurfürstlich brandenburgische Heer. Der Herr von Hünefeld warb für seinen Kurfürsten und nahm den Junker mit Freuden an. Er fand an diesem Tage dort seine Kameraden Adrian Rudolph und Heinrich Wilhelm von Dracksdorf. Heinrich Wilhelm begehrte auch, sich draußen einmal den Kriegslärm anzuhören. Der Herr von Hünefeld rieb sich vergnügt die Hände und sagte zu der schönen Frau von Allstädt: »Das werden zwei, die das Dreinschlagen bald verstehen werden. Erst ziehen wir noch den Holländern zu Hilfe, denn sonst steckt weiß Gott der König Ludwig die Staaten ein wie einen Laib Brot. Heißa, das wär' ihm ein schöner Schmaus.«
Anthoine de Charreard stutzte einen Augenblick. Auch der Oberst de St. Laurent ging nach langem faulen Nichtstuerleben zum Heer zurück. Dann würde der auf der Gegenseite stehen. Feind also – ihm war es recht! Und des Junkers Handschlag war so, daß Hünefeld rief: »Zum Teufel, Junker, Ihr habt eine gute Zufasse. Wer Euch in der Schlacht gegenübersteht, der tut gut, ein Trostgebetlein für schwere Stunden zu sagen. Also abgemacht, in drei Tagen reiten wir, bis dahin haben sie daheim bei Euch hoffentlich die Tränen getrocknet. Grüßt Euern hochverehrten Herrn Vater, der gnädigen Frau Mutter meinen alleruntertänigsten Handkuß. Euerm künftigen Herrn Schwager aber sagt, daß ich froh wäre, ihm bei Euch den Rang abgelaufen zu haben!«
»Meinem Schwager?« stammelte der junge Anthoine betroffen.
»Ja freilich, in ganz Jena gibt es kein Weibsbild mehr, das es nicht weiß: die schöne Hofjungfer Louison de Charreard wird die Gattin des Obersten de St. Laurent. Wußtet Ihr das nicht? Habt Ihr es nicht gemerkt?«
Eine Glutwelle stieg dem Jüngling ins Gesicht. Nein, das hatte er nicht gewußt, er warf einen raschen Blick auf Adrian Rudolph, der fragte: »Wußtest du es?«
Auch Adrians Gesicht flammte. Er war aber der älteste von den drei Kameraden und er war herb und in sich verschlossen. Also schwieg er, sah in die Luft, als gefielen ihm die segelnden, blaugrauen Wolken besser als alles Erdengeschehen. Nur als es zum Heimreiten kam, fragte er: »So es meinem Herrn Vater recht ist, nehmt Ihr mich auch mit, Herr Hauptmann?«