»Einen Jungherrn wie Euch, den lasse ich mir nicht entgehen! Potz heiliges Dunderwetter! Reitet und kommt bald wieder. Nur keinen langen Abschied, bei dem die Weiber schließlich flennen.«
Einen langen Abschied nahm Anthoine de Charreard nun wirklich nicht, er nahm überhaupt keinen. Schrieb einen Brief an seinen hochverehrten, gnädigen Herrn Vater, meldete das Geschehene und saß dann drei Tage lang in seiner Kammer, denn das erste, was er erfuhr, als er von der Dornburg zurückkam, war, daß Louison wirklich nach zwei Jahren den Obersten de St. Laurent heiraten würde. Das zerriß dem guten Jungen beinahe das Herz. Nun war der Feind ihm Schwager, und er hatte das dumpfe Gefühl, sein Vater würde über seinen Schritt heftig erzürnt sein, würde ihn voreilig nennen und gar versuchen, ihn zurückzuhalten. Also ritt er nicht gen Pösen, er lernte das Schweigen; schwieg sich gegen jedermann aus und hielt auch seinen Mund, als die Frau Herzogin in seiner Gegenwart heftig auf Heinrich Wilhelm von Dracksdorf schalt und dringend von ihm verlangte, er solle selbst mit dem Obersten de St. Laurent ziehen.
»Ich muß erst meine nächste Zukunft überlegen.« Anthoine de Charreard brachte zum ersten Male, seit er am Hofe weilte, es fertig, zu antworten und sich zu verbeugen, zu lächeln und zu schweigen, wie es die Hofsitte verlangte. Und niemand kam auf den Gedanken, er hätte schon selbständig über sein Schicksal entschieden.
Nach zwei Tagen kam Antwort von Pösen. Ein Brief wie Wintersturm. Der Herr de Charreard schrieb seinem Sohn, daß er bitter unwillig über das rasche, eigenmächtige Handeln sei; doch Wort sei Wort, er müsse das Versprechen halten. Er habe aber gleichzeitig dem Hauptmann von Hünefeld geschrieben, daß er das Kämpfen gegen die Türken erlaube, falls diese einen Krieg beginnen sollten; nicht das gegen seines teueren König Ludwigs Heer. Nur zuletzt drängte sich ein freundliches Grüßen in den Brief hinein, und da beugte sich Anthoine de Charreard über das Blatt und küßte des Vaters Schriftzüge, fühlte sich ihm ganz zugehörig und fühlte sich ihm doch fremd.
Ein Diener hatte ihm den Brief gebracht, er hatte etwas dazu gesagt, aber für Anthoine de Charreard war das Wort stumm gewesen, er saß und sann, bis es auf einmal draußen heftig räusperte und hustete. »Wer draußen steht, komme rein.« Das war ein barscher Ton, den hatte der junge Anthoine erst gelernt, und er mußte den Ruf wiederholen. Dringlicher, heftig fast; dann erst tat sich die Türe auf, mit höchster Verwunderung im Gesicht trat ein – Nikolaus Rabe.
»Niklas du!« Anthoine schnellte von seinem Sitze empor und plötzlich hing er dem Heimatfreund am Halse und seine Stimme war ganz weich geworden. »Niklas, was bringst du Botschaft von –«
»Von der Jungfer Schwester Grüße und ich schätze, von der gnädigen Frau Mutter ist dies hier,« brummelte Niklas, den nach dem barschen Herein die Freude des Junkers in eine sonderbar rührsame Stimmung gebracht hatte. Er hob ein stattliches, in Leinen gewickeltes Paket auf. »Das da soll ich abgeben.«
Ja, es waren freilich rechte Muttergrüße. Ein linnenes Hemd, eine gute Speckseite, ein paar Würste, ein Brot, ein Beutelchen mit zwei Golddukaten drinnen, Taufgeld, die Mutter hatte es dem Buben manchmal gezeigt, und ein paar späte Rosen und ein Zweiglein Rosmarin aus dem Garten, daran ein Zettel, auf dem mit unsicherer Hand geschrieben stand:
»Befiehl du deine Wege
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreuesten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.«
Darunter: Meinem herzlieben Sohn Anton zum Geleite. Der HERRE GOTT segne und behüte dich und gebe uns ein fröhlich Wiedersehen.