»Zum Teufel ja, und tausend Schuß will ich wetten, ich gewöhn's mir auch wieder ab,« antwortete Junker Heinrich Wilhelm. Da war der Friedensschluß fertig ohne so lange Verhandlungen wie in der Stadt Nymwegen. Die Raben-Bäuerin bekam Grüße, ein flandrisches Tuch und ein paar Dukaten von ihrem wanderlustigen Mann. Darüber weinte sie still und ging ins Haus, denn der Mann wäre ihr lieber gewesen als Tand und Gold.

Jeannettchen drängte zum Heimgehen. Der Magister schloß sich an. Als die drei am Hause anlangten, sahen sie Herrn de Charreard und seine Frau unter der Linde sitzen, und es war wohl zu merken, sie redeten von einer gemeinsamen Sorge.

»Herr Vater, Frau Mutter, Nachricht vom Bruder!« rief Jeannettchen. Sie lief mit so leichtfüßiger Anmut vor dem etwas schwerfälligen Junker einher, daß der über dem Bewundern beinahe den Willkommengruß vergaß. Und dann machten ihn des Jeannettchens strahlende Augen ganz verwirrt, und er kauderwelschte verlegen, er schätze es für einen heureusen Augenblick, selbst den agreablen Rapport von des Freundes Santé geben zu können, der –

Da vergaß der gute Magister alle höfliche Form, brummte unwirsch, dieses wär nun seiner Meinung nach ein saudummes Gewäsch; es hörte aber niemand auf sein Schelten. Endlich lief er zornig davon.

Der arme Junker geriet durch Jeannettchens Lachen wieder in eine sehr unangenehme Beklemmung, und er suchte sich herauszuhelfen durch Grüße, die er aus Jena brachte. Da trübten sich aber die eben noch so hellen Gesichter der Charreards. Jeannettchen kamen aus unbewußter Eifersucht heraus Tränen. Frau Sophia Christine aber rief schmerzlich: »Ach, die Frau Herzogin will uns gar kein Kind lassen, nun soll auch noch unser Jeannettchen als Hofjungfer nach Weimar kommen.«

»Ich – Frau Mutter, ich – Hofjungfer!«

Wäre das ganze stattliche Wohnhaus just in dem Augenblick zusammengepurzelt, das Jeannettchen hätte nicht entsetzter dreinschauen können. Und dann brach der Schmerz des guten Kindes so jäh hervor, wie der kleine Bach unten es tat, wenn Tauwind über die Berge raste. Jeannettchen sank vor ihrer Mutter nieder und in deren Herzen klang das Leid ihres Kindes schmerzlich wieder. Und sie konnte doch nicht helfen.

Der Junker von Dracksdorf schaute auf das weinende Mädchen und alle Gedanken an Louison vergingen ihm, nur an Jeannettchen dachte er, und wie er wohl helfen könnte. Weil er nun wohl etwas schwerfällig war, es ihm aber keineswegs an hellem Verstande mangelte, überlegte er bedachtsam allerlei Wege zur Hilfe und Rettung des bedrängten Kindes. Flucht war abenteuerlich, aber bei einer Heirat, wenn sie just beschlossen war, würde man in Weimar von der Forderung abstehen. Er räusperte sich laut, trat von einem Bein auf das andere und platzte etwas plötzlich heraus: »Ich habe die Intention, daß für das Fräulein der agreabelste Ausweg aus dieser fatalen Situation eine gute Mariage wäre, und da ich das Fräulein von Kindheit an adoriert habe, bin ich persuadiert, es – es – es –« Der Redefluß des guten Junkers stockte, aber Jeannette de Charreard hatte genug gehört, und sie hatte auch alle Fremdwörter fein richtig verstanden, nahm auch keinerlei Anstoß daran, sondern ihr Schluchzen wandelte sich sachte in ein heiteres, leises Lachen, sie stammelte fest an die Mutter gelehnt: »Wenn – wenn Er mich liebt, dann – dann –«

Von seiner großen Amour wollte der Junker gerade sprechen, da fuhr ihm das Wörtlein Liebe unversehens dazwischen und er sagte ganz einfach: »Ich liebe die Jungfer Jeannette, bei Gott, über alles in der Welt. Hab's just erst gemerkt, wie sehr sie mir ans Herz gewachsen ist. Man muß wohl in die Welt ziehen, um das Einfachste zu verstehen.«

In dem Herzen der Mutter sang und schwang wieder die große Feiertagsglocke. Die an ihrem Einzugstage zuerst getönt und allemal wieder ihre Stimme erhoben hatte, wenn ihr ein neugeborenes Kind im Arme lag. Ihre tränenfeuchten Augen suchten die des Mannes, und Herr Anthoine de Charreard beugte sich über seine Frau und sagte leise: »Wenn unser Jeannettchen wird wie du, dann kann der Junker von Dracksdorf diese Stunde segnen.«