Herr de Charreard schrieb an diesem Tage mit solcher Freude im Herzen an die Herzogin Marie, wie er es seit Jahren nicht getan hatte. Er durfte ihr eine wohlbegründete Absage geben, denn daß die künftige Frau von Dracksdorf nun noch eifrig im Hause lernen mußte, das verstand auch die Herzogin.
Jeannettchen war glückselig. Bei der Hochzeit ihrer Schwester Louison überstrahlte sie sogar die schönere Schwester im Glanz ihres jungen Glückes. Ein leiser Wiederschein davon ruhte auf dem Gesicht ihrer Mutter. Das Glück der Jüngeren ließ sie auch an das Glück der Älteren glauben, obgleich ein Widerwillen gegen deren Mann immer in ihr lebte. Übrigens sah niemand weniger strahlend aus als der Oberst de St. Laurent. Er hatte ein Bündel getäuschter Hoffnungen mitgebracht. Man war ihm als Hugenotten mit Mißtrauen begegnet, und er hatte wohl gesehen, daß die Hilfe, auf die die Hugenotten in Frankreich gerechnet hatten, ihnen nie von König Ludwig kommen würde.
Bald nach der Hochzeit verließ Louison die Heimat. Sie war nicht mehr in Pösen gewesen, das stille Tal lag wie ein Traumland hinter ihr, sie dachte nur an Paris, wohin ihre Reise ging. Der Oberst de St. Laurent hoffte dort durch einflußreiche Verwandte und Freunde eine glänzende Stellung zu erhalten. Ungern sah ihn die Herzogin scheiden, aber die Verhältnisse waren für sie sehr drückend geworden. Sie verlebte ihre Zeit viel auf ihrem Gute Porstendorf. Sie war müde geworden und kränkelte viel, hatte etwas die Lust verloren, mit dem Schicksal anderer Fangeball zu spielen. Freilich, ihre Umgebung hatte viel unter ihren bitterbösen Launen zu leiden.
Auch in Pösen sollte es noch stiller werden. Zwei Jahre nach Louisons Hochzeit wollte Heinrich Wilhelm von Dracksdorf sein Jeannettchen heimführen. Der junge Gutsherr hatte jegliche Lust zum Ausziehen in die Weite verloren, er hatte auch seine schönen Fremdwörter alle wieder vergessen, und der alte Magister Albertinus brauchte nicht mehr zu mahnen, die fremden Unkräutlein nicht zu schlimm wuchern zu lassen.
Anthoine de Charreard hatte sein Kommen zu der Schwester Hochzeit zugesagt. Wenige Wochen vorher war es, im September sollte die Hochzeit stattfinden, da ritt einer allein durch das Tal, der nun meinte, es wäre auch eine Heimkehr für immer. Es war der Nikolaus Rabe, der kam heim, weil ihm das Warten auf den Türkenkrieg draußen zu lang geworden war. Er hatte sich noch tüchtig in der Welt herumgetummelt und zuletzt seinem Junker nach Paris das Geleite gegeben, nachdem er seinen Abschied genommen hatte. Dort hatte der Junker Schwester und Schwager getroffen, und der Nikolaus Rabe konnte nur berichten, es gehe ihm gut.
Als der alte Kriegsmann vor seinem Bauernhof ein strammes Bübchen spielen sah und ein wenig ernst und bedrückt seine junge Frau still auf dem Felde werken fand, da stieg's ihm heiß zu Kopfe, und er hielt sich selbst, noch abseits vom Hause, eine tüchtige Standrede. Die lautete: Niklas, alter horndummer Mistesel du, konntest alleweil auch was Gescheiteres tun, als in der Welt herumzuziehen. Läßt Weib, Kind, Haus, Hof im Stich und bist weder richtig an die Franzosen, noch ein bißchen an die Türken herangekommen. Hol dich der Teufel, ein Stück Holz ist klüger als du. Und nach dieser feierlichen Ansprache an sein eigenes Ich betrat Nikolaus Rabe das Haus, das Bübchen war davongelaufen, und der Magister Albertinus war der erste, der dem Heimkehrenden entgegentrat.
»Kruzitürken,« schrie Nikolaus, »das nenne ich Fortune haben, von so einem gelehrten Monsieur an der Türe salviert zu werden!«
»Schafskopf,« schrie der alte Magister, »macht Er die gleiche Dummheit wie der Junker von Dracksdorf! Hat Er, weiß der Himmel, nichts anderes draußen gelernt als sein Maul mit welschen Brocken zu füllen? Jemine, so kommt er nun heim! Ein Querkopf zog aus, ein Strohkopf kehrt zurück!«
»Dunderwetter, das hat wohlgetan!« Der Nikolaus lachte über das ganze Gesicht. »Mehr, Herr Magister, mehr! Solche Sprüchlein tun wohl. Parbleu – wollte sagen Coup de Tonnär, ih niche doch, zum Teufel noch mal, ich hab's verdient. Und nune potz Blitz, wo sind Weib und Kind?«