Adrian Rudolph nickte. »Das war die letzte Nachricht, die ich bekam. Er hat das beste Teil erwählt.«
Sie schwiegen wieder. Hinter dem niedrigen Dachfenster flammte jetzt roter Schein auf. In einer der Vorstädte brannte ein Haus. Die Geschütze dröhnten. Trommelwirbel tönte auf der Gasse, Trompetensignale wurden gegeben. Louison de St. Laurent sah sich auf einmal wieder auf Niklas' Knien sitzen, hörte ihn von seinen Kriegsfahrten erzählen, und sie sagte leise den oft gehörten Reim:
»Alarmen, alarmen, die Waffen erwarmen.
Weh Reich und Armen ohn alles Erbarmen.«
»Wir müssen zusammen bleiben, wir drei Thüringer!« rief Adrian.
»Ja, zusammen, das ist mehr Schutz für Louison, wenn –« Anthoine de Charreard sprach das Wort nicht aus, das furchtbare Wort: »Wenn Wien fällt«; aber die beiden andern hörten es aus dem Dröhnen draußen heraus, in das sich jäh ein lautes Klagegeschrei mischte. Ein Schauer durchrann sie. Wenn die Stadt fiel – wenn –!
Zwei Kinder im Weltgetriebe verloren! –
Frau Sophia Christine saß just um diese Zeit unter der Linde und ihre Gedanken suchten die Kinder, und sie wußte doch nicht, in welcher Not sie steckten. Wußte nicht, daß wie einst der Vater ihnen in harten Anfangsjahren geholfen hatte, jetzt der Sohn Adrian Rudolph den beiden verirrten Kindern aus dem Leutratale die Hand reichte. Adrian wohnte in einer stillen Gasse bei einer Witwe in einem kleinen Hause, und er übernahm es, seiner Wirtin Louisons Verkleidung zu erklären. Die Frau war verschwiegen, die nahm auch wirklich die blasse Louison bei sich auf. Sie tat es mütterlich und gut, und da hatte die arme, schöne Louison zum ersten Male seit langer Zeit eine rechte Heimat. Waren die Freunde draußen, dann hockten die Frauen zusammen, warfen ihre bange Sorge, ihr Zittern und Zagen einander zu, und jede fand so ein wenig Trost an der andern.
Heiß und schwer gingen die Tage dahin.
Der August wurde von dem September abgelöst. Dichter und dichter umschloß der furchtbare Feind die bedrängte Stadt. In den Kirchen lagen zu allen Tag- und Nachtzeiten die verzagten Beter auf den Knien: »Gott hilf, Gott hilf!« tönte ihr Rufen.