Der jüngere Wächter lief nun mit dem Bauer nach Protzendorf, denn der wollte ihm einen Wagen geben, damit er schneller zum Herzog käme, und er rannte so flink, daß der dicke Bauer kaum nachkommen konnte und unterwegs meinte, es wäre doch besser gewesen, den älteren zu nehmen.
Das alles hörte Kasperle nicht, aber er sah den Grenzwächter rennen, und sein kleines Kasperleherz bebte vor Angst. Zu dem Herzog gehen, vor dem er sich so schrecklich fürchtete, es war wirklich sehr schwer! Und tiefbetrübt rutschte er von der großen Tanne herab und schlich sich in das Waldhaus zurück.
Der Wächter fuhr unterdessen mit dem Bauer Strohkopf in das Land hinein. Dem war es auf einmal eingefallen, wenn er mitführe, könnte er gar noch eine Belohnung erhalten. Die beiden langten ganz spät am Abend am Schloß der Gräfin Rosemarie an, und der Wächter sagte: „Hier rasten wir.“
„Ja,“ brummte der Bauer und dachte bei sich: Ich fahr’ allein weiter, denn dann sage ich dem Herzog zuerst die Botschaft. Es war dumm, daß ich den Wächter mitnahm.
Dieser ging in das Schloß, um zu fragen, ob man ihm wohl gestatte, im Heuschober zu schlafen, und drinnen erfuhr er, der Herzog sei gerade angekommen. Er lief eiligst hinaus, sah den Bauer wer weiß wohin fahren, ließ ihn ziehen und sagte drinnen gewichtig: „Ich bringe einen Brief von Kasperle.“
„Bewahr’ mich vor dein Ungetüm!“ rief die alte Liesetrine.
„Raus, raus! Mit einem, der Kasperle kennt, will ich nichts zu schaffen haben.“
Da wäre beinahe der Wächter mit seinem schönen Kasperlebrief noch hinausgeworfen worden. Er erhob aber seine Stimme laut und schrie so heftig, daß es durch das ganze Schloß hallte: „Ich komme von Kasperle, ich komme von Kasperle, Kaaasperle!“
Das hörte ein Diener des Herzogs, der sagte es dem zweiten Kammerdiener, der wieder sagte es dem ersten Kammerdiener, der sagte es einem Kammerherrn, der sagte es dem Oberhofmeister, und der sagte es schließlich dem Herzog.
Und gerade plagte den Herzog August Erasmus das Zipperlein, als er von Kasperles Brief erfuhr. Da ließ er sehr geschwinde den Wächter kommen, und der übergab ihm den Brief. Der Herzog las und schüttelte den Kopf, und er reichte den Brief seinem Oberhofmeister. Der las und schüttelte auch den Kopf. Der Kammerherr aber, der dann den Brief zu lesen bekam, schüttelte den Kopf, ohne zu lesen. Da sagte der Herzog: „Merkwürdig!“ und alle im Zimmer sagten auch: „Merkwürdig!“