Der Haushofmeister schloß lachend die Türe wieder auf. „Siehst du, kleines Kasperle,“ sagte er, „so rasch findest du hier nicht die geheimen Wege, um herumzugeistern. Aber nun paß einmal auf!“ Und er drehte an einem Kleiderhaken, da schob sich die Wand auseinander und Kasperle stand unversehens draußen auf dem Treppengang.
Das war fein! Vergnügt witschte er wieder in das Zimmer, wieder in den Schrank hinein, war draußen, war drinnen, und als er es dreimal gemacht hatte, sagte der Haushofmeister: „So, nun ist’s genug, nun bleibe jetzt nur drinnen! Jetzt kannst du ein bißchen zum Fenster hinaussehen.“
„Ach, ich möchte raus!“ bettelte Kasperle, „ich möchte zum traurigen Marlenchen.“ Da hielt ihm der Haushofmeister erschrocken den Mund zu. „Schweig!“ sagte er, „davon dürfen der Herzog und der Oberhofmeister nichts hören, auch die Prinzessin Gundolfine nicht, sonst geht es uns übel.“
Kasperle riß weit Mund und Augen auf. Was war denn das für eine geheimnisvolle Geschichte mit dem traurigen Marlenchen? Doch ehe er fragen konnte, erzählte sie ihm der Haushofmeister selbst. Der setzte sich an das kleine vergitterte Fenster und begann: „Der Vater des traurigen Marlenchens besitzt ein kleines Schloß; vom Bächlein aus, an dem Marlenchen immer sitzt, geht man dorthin etwa eine halbe Stunde. Da, schau, dort siehst du es in der Ferne liegen.“ Er zeigte auf ein Schloß, das sich aus Bäumen heraushob. „Bei unserm Herzog war der Herr von Lindeneck, so heißt er und auch das Schlößchen, Jägermeister. Seine schöne junge Frau ist früh gestorben, und das Marlenchen ist sein einziges Kind. Einmal, die Prinzessin Gundolfine — Himmel, Kasperle, was ist denn?“
Kasperle hatte bei der Erwähnung der Prinzessin gleich sein bitterböses Räubergesicht gemacht, und der Haushofmeister sah ihn ganz erschrocken an. Als ihm Kasperle aber sagte, dies sei, weil er von der Prinzessin gesprochen habe, lachte er und brummelte: „Ja, die ist auch schlimm! —Na also,“ fuhr er fort, „die Prinzessin Gundolfine war da und der Herzog jagte in dem Walde, der an den Park stößt. Es war ein heißer Tag, und der Herzog kam und kühlte sich einmal die Hände im Bach. Dabei zog er einen kostbaren Ring ab und legte ihn auf einen großen, flachen Stein. Der Platz
ist unter einer riesengroßen, alten Ulme; dort wirst du heute das traurige Marlenchen getroffen haben.“
Kasperle nickte eifrig. „Auf dem Baum ganz oben ist ein Vogelnest,“ sagte er.
„So, so!“ Der Haushofmeister hörte kaum darauf, er erzählte weiter: „Wie sich der Herzog gewaschen hatte, kam ein Jägerbursche und rief, ein großer Raubvogel sitze im Wald auf dem Baum, es scheine fast ein Adler zu sein. Der habe sich gewiß aus dem hohen Gebirge verflogen.
‚Den muß ich schießen, aber allein,‘ rief der Herzog. Er vergaß seinen Ring und eilte davon und der Hofjägermeister blieb am Bach sitzen. Der wußte, der Herzog hatte es nicht gern, wenn er mit ging, weil er viel, viel besser schießen konnte. Und unser Herzog mag’s nicht leiden, wenn einer etwas besser kann als er. Der Herr von Lindeneck blieb also am Bach sitzen, sah dessen Wellchen hüpfen und springen, er sah die Libellen tanzen und dachte dabei nicht an des Herzogs Ring. Plötzlich hörte er in der Ferne lautes Rufen und Schüsse und dann kam der Herzog zurück und er stand auf und ging ihm entgegen.
‚Es war wirklich ein verflogener Adler,‘ rief der Herzog ärgerlich, ‚aber mein Schuß ging fehl. Das ist nur davon gekommen, daß ich meinen Glücksring nicht angesteckt hatte!‘