Kasperle schlief und schlief. Im Schloß fragte von Viertelstunde zu Viertelstunde einer den andern: „Ist er wieder ausgewacht?“ Doch das Kasperle dachte nicht daran, das schnarchte weiter, rissel, rassel, sogar im Treppenhaus war es zu hören.
Alle glaubten, das Kasperle sei wirklich furchtbar krank, nur der alte Haushofmeister nicht. Der wußte besser im Schloß Bescheid als der Herzog selbst; er kannte alle verborgenen Türen und Winkel. Sein Vater, der auch schon Haushofmeister gewesen war, hatte sie ihm verraten. Und als sich alle um das Kasperle sorgten, ging er ganz leise unten in den Keller hinein. Er meinte nämlich, von Kasperle sei ein Düftlein ausgegangen, das an Wein mahnte. Das verborgene Pförtchen fand er schnell und gelangte in des Herzogs geheimen Weinkeller, zu dem dieser den Schlüssel wohl verwahrt hatte. Und richtig, da fand der Haushofmeister Kasperles Spuren: alle drei Fässer leer, die Zapfen am Boden. „Ei, du heilloser Schelm, du kleiner Nichtsnutz, du, ein Schwipslein hast du!“ schalt der alte Mann, aber er lachte leise dazu. Dann steckte er in jedes Faß den Zapfen und ging wieder zu dem verborgenen Türchen hinaus. Das schloß er sorgfältig und brummelte dabei vor sich hin: „Na, die Prinzessin Gundolfine wird böse sein!“ Die Weine aus dem Keller liebte die Prinzessin nämlich sehr; allemal wenn sie zu Besuch kam, stieg der Herzog selbst in den Keller und holte ein Krüglein herauf.
Was der Haushofmeister wußte, sagte er keinem Menschen. Nur als Veit klagte: „Kasperle wird noch sterben!“ sagte er heiter: „I wo, der stirbt nicht! Paß auf, morgen ist er putzmunter.“
Es dauerte aber wirklich lange, ehe Kasperle aufwachte. Vierundzwanzig Stunden schlief er wie ein Säcklein, und der Herzog stand gerade wieder traurig an seinem Bett und der Leibarzt sagte: „Sehr schlimm!“, da schlug Kasperle auf einmal die Augen auf. Er sah den Herzog, den Doktor und etliche Hofherren an seinem Bett stehen, und alle staunten sie ihn an.
Wie sonderbar das war! Kasperle lag ein Weilchen, rührte und rappelte sich nicht und sah mit seinen schwarzen Glitzeräuglein nur immer in die verdutzten Gesichter. Er fand das ungemein spaßhaft, bis er plötzlich ein heftiges Grimmen in seinem Bäuchlein spürte. Das knurrte los und der Herzog drehte sich erschrocken rundum. „Man jage den Hund aus dem Zimmer!“ rief er. „Wo ist der Hund, der so knurrt?“
Und alle drehten sich um, suchten und suchten, bis Kasperle jäh in ein lautes, heftiges Geschrei ausbrach. „Hunger, Hunger!“ jammerte er, und da merkten es erst alle: Kasperles Magen knurrte.
„Er hat Hunger!“ Der Herzog sank vor Erstaunen auf einen Stuhl, der Leibarzt schüttelte wieder den Kopf, er sagte aber doch: „Man bringe schnell etwas zu essen, ein Süppchen und ganz kleine Brötchen!“
Kasperle, der Schelm, merkte wohl, alle waren in Angst um ihn. Er verstand zwar nicht recht warum, denn er konnte sich erst gar nicht besinnen, was mit ihm geschehen war. Das Angsthaben machte ihm aber den größten Spaß. Er verdrehte seine Äuglein, schnitt fürchterliche Gesichter und wiederholte kläglich: „Hunger, Hunger!“
„Schnell, schnell, bringt doch etwas!“ rief der Herzog.
Da rannte auch schon ein Diener herbei, der brachte Suppe und ein paar hauchfeine Schinkenschnittchen, mehr nicht. Kasperle