eine Laterne und kletterte vorsichtig die Treppe hinauf. Er schaute dabei in jede Mauerritze, unter jede Treppenstufe, ob sich das Kasperle da nicht versteckt hätte, und unterdessen suchten unten etliche den Vorraum, die Kirche, alles ab, — kein Kasperle war zu finden.
Die Eulen erschraken, als das Licht in ihre Wohnstuben drang. Das blendete sie, und sie versteckten sich scheu. Die Glocke zitterte noch hin und her, aber soviel der Meister Pimperling auch herumleuchtete, Kasperle fand er nicht.
Unten sagte der Kasperlemann: „Wir müssen ihn finden, er muß doch da sein!“ Und er erzählte von der hohen Belohnung, die der Herzog geben wollte, und alle suchten noch eifriger, alle sagten: „Er muß doch da sein! Wer soll sonst die Glocke geläutet haben?“
Inzwischen rannte Kasperle sehr eilfertig dem Walde zu. Weil alle nach der Kirche liefen, bewachte keiner die Wege, die nach auswärts führten, und Kasperle gelangte ungesehen in den Wald. Er schlug nicht den Weg ein, der zur Stadt hinabführte, sondern lief seitwärts; dort wußte er, dehnte sich der Wald viele, viele Stunden weit aus. Durch diesen Wald hindurch führte der Weg in ein anderes, fremdes Tal, in das die Leute aus Waldrast nie gingen. In der tiefen Dunkelheit verlor Kasperle nun bald den Weg; er mußte wieder mühsam über Steine klettern und fiel über Wurzeln und umgestürzte Bäume, und als er so ein paar Stunden dahingelaufen war, sank er todmüde zu Boden. Er
schlief auch gleich ein, und als er erwachte, sah er die Sonne durch das Gezweig uralter, hoher Tannen glitzern. Soweit er blicken konnte, war dichter Wald um ihn her, und ganz still war es.
Kasperle setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein und sah sich traurig um. Nun war er wieder mutterseelenallein in der weiten, weiten Welt, nun hatte er keine freundlichen Pflegeeltern mehr und keine lustigen Kameraden. Er dachte an das Waldhaus; ach, wäre er doch dort geblieben und nicht fortgelaufen! Dort war doch seine Heimat. Er wäre gern zurückgekehrt, aber wie sollte er den Weg finden? Er mußte dann doch an dem Schloß vorbei, in dem die liebliche Rosemarie wohnte! Aber dort kannten ihn alle, man würde ihn fangen und ins Gefängnis setzen. Kasperle hatte davor eine ganz schreckliche Angst. Der Herzog und die Base Mummeline, das waren seine Feinde, und als er nur an sie dachte, sprang er gleich auf und lief weiter durch den Wald. Er wanderte und wanderte, viele Stunden lang, der Wald nahm kein Ende; ganz undurchdringlich schien er zu sein.
Endlich setzte sich Kasperle wieder müde auf den Boden nieder. Er zog das Brot heraus, das ihm die gute Lehrersfrau noch gegeben hatte, und begann traurig zu essen. Und wie er so saß, vernahm er ein Plätschern und Rauschen; ein Bächlein mochte nicht allzu ferne fließen. Weil Kasperle durstig war, stand er auf und ging dem Rauschen nach. Nach einem Weilchen sah
er den Wald sich lichten, und er kam an einen Bergbach, der kam mit viel Gebrause aus einer hohen, hohen Felsspalte herabgestürzt. Am Bach war der Wald etwas zurückgetreten, nur Himbeerbüsche wuchsen dicht an seinem Rand. Von ihnen waren viele reife Früchte in das Wasser gefallen, sie schimmerten rot aus den weißen Kieselsteinen heraus. Und hohe Stauden blauen Eisenhutes standen am Bachrand, mitten im Wasser aber lag eine winzige Insel. Da wuchsen große, weiße Blütendolden, auf denen lauter schimmernde, goldbraune Schmetterlinge saßen. Und im schäumenden Wasser, das aus der Felsspalte stürzte, glitzerte die Sonne. Das leuchtete, funkelte und glänzte in allen Farben, und Kasperle staunte verwundert; wie ein Märchenwinkel kam es ihm vor. Auch schien alles zu rufen und zu locken: „Komm, Kasperle, komm!“ Das Wasser spritzte ihm an die Nase, die Himbeerbüsche bogen sich unter der Last ihrer reifen Früchte, und da war Kasperle denn auch nicht faul. Er setzte sich hin und schmauste, trank erst vom klaren Wasser, aß dann zum Brot die Himbeeren und wurde plumpsatt. Da legte er sich an das Ufer des Baches, lauschte dem Tosen, mit dem der aus der Felsspalte hervorstürzte, und ließ sich die Sonne auf das Bäuchlein scheinen.
Sehr lange dauerte es nicht, bis Kasperle schlief. Er schlief und schlief in die warme, Sommernacht hinein. Einmal wachte er auf, da stand eine ganz schmale Mondsichel gerade über dem Waldwinkel, und das
Bächlein rann wie ein Silberstrom aus seiner Felsspalte hervor. Ein Weilchen sah Kasperle zu, er sah die silbernen Lichter auf dem Wasser glitzern und sah über sich am dunklen Nachthimmel die feine Sichel und viele, viele Sterne. Das war schön und friedsam. Kasperle reckte und streckte sich und schlief weiter.