Auf einmal tönte laut eine Stimme in seinen Schlaf hinein: „Hallo, he, aufgewacht du!“

Kasperle richtete sich erschrocken auf und sah sich verwirrt um. Da stand neben ihm ein Bub, nicht viel größer als er, der trug ein Hemd und ein Höslein, geflickt wie eine Musterkarte, auf seinem Kopf saß ein verbeultes, verblichenes Hütlein mit einem mächtigen Busch Hahnenfedern daran. Es sah beinahe aus wie der Kopfschmuck, den der Räuberhauptmann im Kasperletheater zu tragen pflegte. Des Buben Augen blitzten lustig; der ganze kleine Kerl sah überhaupt so vergnügt in die Welt, daß Kasperle auch gleich lachen mußte.

Und wenn Kasperle lachte, das steckte an. Erst machte der fremde Bube Kulleraugen vor Erstaunen, als Kasperle seinen Mund von einem Ohr zum andern zog, aber dann lachte er laut heraus. Sein Lachen steckte wieder das Kasperle an, und so lachten sie eine gute Zeit um die Wette, und die Felswand gab vergnügt das Echo zurück. Sonst hörten es nur noch eine Anzahl Geißen, die kamen zierlich über die Steine geklettert und umringten die beiden Buben. Aber plötzlich sprang der fremde Bube auf und schrie: „Rosemarie

fehlt!“ Und dann rannte er mit schnellen Sprüngen davon.

Rosemarie! Kasperle vergaß das Lachen vor Staunen. War das liebliche Grafenkind hier im Walde, und war er gar wieder dem Schlosse näher gekommen? Die Geißen umschnupperten ihn ganz zutraulich, er aber saß da, als wäre er aus allen Wolken gefallen. Doch da kam der fremde Bub schon wieder zurück, er trieb ein schneeweißes Zicklein vor sich her und rief schon von weitem: „Das ist Rosemarie; beinahe hätte sie sich verlaufen.“

Kasperle schüttelte den Kopf. „Nä,“ brummelte er entrüstet, „Rosemarie ist eine Grafentochter, keine Geiß!“

Der fremde Bube lachte hell auf. „Freilich, ein Geißenname ist’s nicht,“ rief er. „Rosemarie stammt aber auch von einem Schlosse; die alte Einöderin Bärbe hat sie dort geholt.“

„Ist das weit?“ fragte Kasperle scheu. Er dachte gar, das Schloß müßte ihm vor der Nase liegen.

„Weit — das Schloß?“ Der fremde Bube sah ihn erstaunt an, die Frage kam ihm sehr schnurrig vor. Was ging den andern das Schloß an? „Weit ist’s schon,“ sagte er; „die Einöderin braucht immer ein paar Tage dazu, sie stammt von dort.“

Da war Kasperle wieder zufrieden. Nun fiel ihm auch ein, es war eigentlich längst Frühstückzeit vorbei, und er kramte sein letztes Stück Brot aus der Tasche. „Ich hab’ Hunger,“ sagte er seufzend.