„Ich auch.“ Der fremde Bube zog auch ein Stück Brot aus der Tasche und sagte: „Ich komm’ hierher wegen der Himbeeren. So schön sind sie nirgends, und niemand weiß den Ort, selbst der brummige Matthias nicht.“
„Wer ist denn das?“ Kasperle setzte sich auch an einen Himbeerbusch, wie es der andere tat. Beide schmausten los, und dabei erzählte der fremde Bube, der brummige Matthias sei ein Förster; er wohne neben des Herzogs Jagdschloß Hirschsprung, das ganz nahe sei.
„Wohnt der Herzog hier?“ Kasperle ließ vor Schreck eine dicke Himbeere und sein Brot dazu ins Wasser fallen, und er fischte erst beides wieder heraus, als der fremde Junge sagte: „Bist du aber dumm! Der Herzog wohnt doch in seiner Residenzstadt, weit, weit von hier! Er kommt nur alle Jahre zweimal hierher, sonst steht das Schloß immer leer. Du weißt aber auch gar nichts! Woher kommst du eigentlich? Wie heißt du? Wer bist du?“
Kasperle seufzte tief. Er wollte schon wieder sein Sprüchlein sagen, aber des fremden Buben helle, klare Augen schauten ihn so ernsthaft an, da senkte er verwirrt seine Nase.
„Hast du was Schlimmes getan?“ fragte plötzlich der andere fast streng.
Kasperle schüttelte den Kopf, und dann erzählte er dem Buben, wer er sei. Alles erzählte er, und der
andere lachte mit und sah mit traurig drein, und als Kasperle zu Ende war, streckte er ihm seine kleine, braune Hand hin und rief: „Armes Kasperle! Aber weißt du, ich will dein Freund sein. Ich bin das Geißenmichele und wohne in Hochdorf. Da, willste mein Brot?“ Michele wußte in aller Geschwindigkeit nämlich nicht, was er aus Mitleid dem Kasperle Gutes antun sollte, darum gab er ihm sein Brot. Dabei war des Michels Brotvorrat für seinen rechtschaffenen Bubenhunger gerade nicht sehr groß. Michele meinte aber, für einen Freund, den man so unversehens im Walde finde, müßte man auch einmal hungern können. Kasperle aber sah, mehr Brot war nicht im Säcklein, und schlug vor, sie wollten teilen. Also teilten sie, schmausten viele, viele Himbeeren dazu und berieten dabei, was aus Kasperle werden sollte.
Michele hätte das Kasperle am liebsten mit heimgenommen, doch das ging nicht; er hatte nämlich selbst kein rechtes Zuhause. Er war einer armen Witwe Sohn, die wohnte stundenweit ab in einem kleinen Dorf, und er hatte sich als Geißenbub verdingt, um der Mutter zu helfen, die noch für drei kleinere Kinder sorgen mußte. Bei einem Bauern schlief er auf dem Heuboden, dahin durfte er keinen fremden Buben mitbringen. Und Kasperle tat einen tiefen Seufzer und sagte traurig: „Ich muß weiterziehen.“
Doch da kam wie ein Blitz dem Michele ein guter Gedanke, und er überkugelte sich gleich einmal vor
Freude und schrie dabei: „Hurra, das wird fein, fein, fein!“