Kasperle wollte natürlich gleich wissen, was fein würde, und da vertraute ihm Michele an, das Schloß sollte seine Wohnung sein. Und als Kasperle darob vor Erstaunen so steif und stumm wie ein Bäumlein wurde, erzählte Michele, im Schlosse wohne niemand, und der böse Matthias und seine Frau gingen selten hinein, auch sei das dann ja zu hören. Er aber wußte, daß eine ganz kleine Seitenpforte seit langer Zeit unverschlossen sei, wohl weil der brummige Matthias den Schlüssel verloren habe. „Ich bin schon manchmal drin gewesen; fein ist’s drin!“ tuschelte Michele seinem neuen Freunde geheimnisvoll zu. „Du kannst drin wohnen, und dann treffen wir uns alle Tage und hüten die Geißen zusammen. Wenn ich sage, ich hab’ arg großen Hunger, dann gibt mir die Bäuerin schon mehr Brot, dann langt es für uns beide.“

„Aber der Herzog!“ Kasperle sah so ängstlich drein, als spaziere der Herzog schon um die Ecke herum.

Michele lachte ihn aus. „Bist ein Hasenfuß; der Herzog, kommt höchstens zweimal im Jahr nach Hirschsprung, na, und das merkst du ja vorher. Komm jetzt rasch, ich zeige dir die Türe!“ Er sprang auf und sah nach den Geißen. Die zeigten keine Lust zu großen Klettereien; satt und faul lagerten sie auf einem Wiesenfleck, und die beiden Freunde konnten beruhigt zum Schlosse wandern. Weit war das nun wirklich nicht.

Kasperle staunte. Ein paar Schritte ging es durch den Wald, da waren sie da. Auf einer Wiese, rings von Wald umschlossen, lag ein graues Schloß, es hatte einen dicken Turm und sah etwas düster aus. Unweit davon, am Wiesenrand, lag ein kleines Haus, die Försterei. Alles war wie ausgestorben, nicht einmal ein Hund bellte, als sich die Buben dem Schlosse näherten. Michele führte seinen Freund nun um die grauen Mauern herum und zeigte ihm neben dem Turm ein Pförtlein, das fast ganz hinter Gebüsch verborgen war. „Da hinein geht’s,“ sagte er, „und hier kannst du gleich in den Wald schlüpfen, und niemand sieht dich.“

Sie krochen beide durch das Gebüsch, und Michele drückte auf die rostige Klinke; sie gab nach, und da standen die beiden wirklich im Schloß. Ein schmaler, weißgetünchter Gang nahm sie auf, und Michele schritt ihn ganz keck entlang. Kasperle folgte etwas zaghaft, weil sich aber wirklich niemand und nichts im Schlosse regte, wurde er auch mutiger. Die beiden Freunde schlossen Tür um Türe auf, sie gingen durch alle Gänge, stiegen alle Treppen empor, und Michele war ganz empört, als Kasperle auf einmal sagte: „Im Grafenschloß war’s noch feiner.“

„Was Feineres gibt’s nicht,“ rief Michele und riß eine Türe auf. Die führte in einen Saal hinein, der nicht, wie die andern Zimmer, etwas düster eingerichtet war, sondern hellen, heiteren Hausrat zeigte. Die Sofas und Stühle waren alle mit rosafarbener Seide überzogen,

an den Wänden gab es in breiten goldenen Rahmen heitere Bilder, und Engel, die Rosenkränze trugen, schwebten oben an der Decke.

Da sagte auch Kasperle, dies sei feiner als im Grafenschloß, und Michele, der schon ganz wütend gewesen war, gab sich zufrieden. Kasperle war nun auch sehr vergnügt, daß er im Schlosse bleiben sollte, und als sie beide beim Herumwandern in ein sehr schönes Zimmer kamen, in dem ein breites goldenes Bett stand, sagte er, hier möchte er schlafen. „Ich glaube, das ist dem Herrn Herzog sein Zimmer,“ flüsterte Michele etwas scheu. „Darin kannst du doch nicht schlafen!“

Aber plumps, da lag Kasperle schon in dem mit Seide überzogenen Bett und rief: „Hurra, hier schlafe ich: Das ist fein, fein, fein!“

Michele hätte sich am liebsten auch in das goldene Bett gelegt, aber er dachte an die armen Geißen, die er verlassen hatte. „Ich muß gehen,“ sagte er betrübt, und flugs sprang Kasperle wieder aus dem Bette heraus und erklärte: „Ich geh’ mit.“ Einträchtig verließen sie beide wieder das Schloß, kehrten zu den Geißen zurück, fanden die noch ruhig am alten Platz weiden, und sie setzten sich zu ihnen und berieten, wie sie es ferner zu halten gedächten. Michele wollte immer am Schloß vorbeiziehen und pfeifen, und sobald Kasperle dies hörte, sollte er ihm nachkommen; dann wollten sie zusammen spielen, Geißen hüten und ihr Brot verzehren. Beide