Die Schatzgräber finden einen Schatz.

Sommerreisen sind in Neustadt nicht eine so allgemeine Modesache, wie in den großen Städten. Die Erwachsenen fahren wohl hierhin und dahin, aber die Familien, in denen Kinder sind, die bleiben gern daheim. Die meisten Häuser haben Gärten, und wer selbst keinen Garten hat, der geht in Nachbars Garten spielen; draußen im Freien, in dem schönen Wald, ist man auch schnell genug. Ja, Neustadt ist so hübsch, daß regelmäßig zwei alte Prinzessinnen das sonst unbewohnte Schloß im Sommer beziehen. Sie kommen jedes Jahr bald nach Pfingsten, manchmal auch vor dem Fest, und sie bleiben, bis in dem alten Schloßgarten die Bäume ihre goldroten Kleider angezogen haben.

Wenn die Prinzessinnen Emma und Marie, zwei freundliche, alte Damen, Einzug halten, dann steht das ganze Städtchen beinahe auf dem Kopf, namentlich die Kinder laufen sich die Beine ab, um die Prinzessinnen zu sehen, und drei Tage lang fragen sich die Leute untereinander: „Hast du sie schon gesehen?“ Nachher ist es eine gewohnte Sache, nur die Kinder, die rennen jedesmal, wenn der fürstliche Wagen zu sehen ist, hinterher, schreien hurra und guten Tag; dies gehört in Neustadt zum besonderen Kindervergnügen.

Etliche Tage nach dem blinden Feuerlärm hielten denn auch die Prinzessinnen wieder ihren Einzug in Neustadt, und Severin und Wendelin rannten trotz ihres Kummers auch an den Schloßberg, um die Einfahrt mit anzusehen. Sie schrieen hurra, so laut sie konnten; sie standen mit Brigittchen, Anne-Marte und Jörgel zusammen und sagten auch, wie Klaus Hippel immer sagte, wenn die Prinzessinnen da waren: „So, nun ist es richtiger Sommer!“

Die beiden alten Damen nickten den Kindern freundlich zu, und Prinzessin Emma sagte zu Prinzessin Marie: „Glaubst du, daß Kinder wo anders so laut schreien können wie in Neustadt?“

„Nein,“ erwiderte Prinzessin Marie lachend, „ich glaube es nicht, aber hübsch ist doch unser Neustadt, ich bin doch recht froh, daß ich wieder da bin!“

Ja, hübsch war es in Neustadt, in den sonnenhellen Sommertagen ebenso wie in den heimlichen, traulichen Wintertagen. Die fünf Schatzgräber fanden es in diesem Jahre besonders hübsch; es gab so viele lustige Waldspaziergänge, zu denen die Geschwister Fröhlich die Kinder mitnahmen, und bei denen es allemal sehr vergnügt zuging. Nur einen Fehler hatten diese Tage, sie gingen immer mit der allergrößten Eile zu Ende. Die Sonne purzelte dann nur so in ihr Wolkenbett, wutsch, war sie drin, zog sich ein dickes Wolkenkissen über die Nase, und die Kinder hatten das Nachsehen.

Immer weiter schritt der Sommer vor. Der Flieder verblühte, der Jasmin duftete, und die Rosen entfalteten sich. Die Erdbeeren reiften, dann auch das Strauchobst, und eines Tages hatte Frau Lehmann die ersten im Lande gereiften Kirschen. Klaus Hippels Blumenbrettlein brach fast unter seiner blühenden Fülle, und von ihren Spaziergängen kamen die Neustädter Kinder jetzt mit Kornblumensträußen beladen heim.

Und auf einmal waren die Sommerferien da. Sie wurden mit noch mehr Jubel begrüßt als die Prinzessinnen, und durch Neustadts Straßen und Gäßlein brauste an dem ersten Ferientage der Kinderjubel wie ein Strom.