Die fünf Schatzgräber saßen auch an diesem ersten Ferientage auf der Stadtmauer und schmiedeten Ferienpläne — von Schularbeiten stand aber leider nicht viel darin. Wie die fünf Freunde so saßen und schwatzten, kamen auf einmal, von einer Hofdame und einem Kammerherrn gefolgt, die beiden Prinzessinnen durch das Stadtwäldchen daher. Die Kinder erschraken, sie wären am liebsten schleunigst entflohen, daran war aber nicht mehr zu denken. Wendelin zog zwar eiligst seine Beine hinauf, dabei löste sich einer seiner Turnschuhe, die er trug, und plumps fiel der Schuh gerade vor Prinzessin Emma nieder. Prinzessin Marie sah zu der Mauer empor, und plumps, da fiel der zweite Schuh gerade vor ihrer Nase auf den Weg.
„Wie unschicklich,“ sagte das Hoffräulein entrüstet und warf einen strafenden Blick auf Wendelins braunbestrumpfte Füße, am linken guckte die große Zehe ganz lustig aus dem Strumpf heraus.
Die Prinzessinnen lächelten nachsichtig. Ja, sie blieben sogar stehen und fragten die fünf Mauerschwalben gar freundlich nach ihren Namen. Das war ein Ereignis! Die Kinder machten zwar kaum den Mund auf; nachher taten sie sich aber unendlich wichtig, und selbst Heine sagte: „Das hätte in der Zeitung stehen sollen, nicht die dumme Feuergeschichte!“
Und was Heine sagte, das war wahr.
Die Prinzessinnen gingen auch, wie jedes Jahr, in den alten Stadtturm, um sich die Aussicht und das Museum anzusehen, und Klaus Hippel und seine Frau Paulinchen waren wie jedes Mal sehr stolz über den Besuch. Sonst hatten die Pantoffelmachersleute aber wenig Freude in diesen warmen Sommertagen. Frau Paulinchen hatte einen schlimmen Fuß bekommen, und dann lastete noch schwer ein anderer Kummer auf den alten Leuten. Bald nach Pfingsten hatte der Schwiegersohn, Friedrich Lange, zufällig gehört, wie zwei seiner jetzigen Arbeitsgenossen von ihm sprachen; der eine sagte: „Ich glaube es doch, daß er ein Dieb ist und damals im Herbst das Geld genommen hat. Sicher ist die ganze Geschichte nur erlogen!“ Darauf sagte der zweite: „Man muß sich vor ihm in Acht nehmen!“ Der brave Friedrich Lange hatte gemeint, daß der Verdacht, der auf ihm ruhte, längst vergessen wäre, und das Wort Dieb traf ihn so schwer, daß er seitdem wie verstört herumging. Seine Frau, seine Schwiegereltern und seine Freunde, alle suchten ihn zu trösten, aber vergeblich; der arme Mann wurde ganz tiefsinnig. Wenn einer ihn nur ansah, dann dachte er schon: „Er sieht in dir einen Dieb.“
Es war ein Jammer; Frau und Kinder und die alten Eltern litten mit ihm, und alle vermochten sie doch trotz ihrer innigen Liebe nicht zu helfen. Viele Klagen hörte zwar niemand von den Pantoffelmachersleuten, aber die alte Lustigkeit war wieder aus dem Turm entflohen.
So vergingen die Tage des Sommers in Heiterkeit für die Kinder, in Sorgen für die Pantoffelmachersleute, und plötzlich hieß es: „In acht Tagen fängt die Schule wieder an!“
Es war ein trüber, grauer Tag, an dem die fünf Schatzgräber den Entschluß faßten, endlich einmal die Ferienarbeiten richtig in Angriff zu nehmen. „Es wird auch Zeit,“ sagte Frau Doktor Fabian, „ihr tut ja, als wären die Bücher überhaupt nicht mehr auf der Welt.“
Trotz aller guten Vorsätze — Anne-Marte hatte sich sogar Watte in die Ohren gestopft, um nichts zu hören, was sie ablenken könnte — wurde an diesem Tage aus der Arbeit nicht viel. Es war so schwül, kein Lüftchen wehte, selbst die Erwachsenen seufzten bei ihrer Arbeit. Die Bäume standen so still in der grauen Luft, als wären sie aus Stein; unruhig huschten die Schwalben über den Kirchplatz; sie flogen so tief, daß das Gras, das hier und da zwischen den Steinen wuchs, von ihrer Berührung zitterte. „Es wird ein Gewitter geben,“ sagten alle Leute und schauten nach dem Himmel empor. Wie eine graue Decke hing der über der Erde, von der Sonne sah man nur einen blassen, hellen Schein.
Gegen zwei Uhr wurde es ganz dunkel. Klaus Hippel sah von seinem Turmfenster aus dicke, schwere Wolken am Himmel emporsteigen, wie dunkle Berge türmten sie sich auf, und oben hatten sie einen breiten, schwefelgelben Rand. Es dauerte auch nicht lange, da sauste der Sturm durch die Straßen, das Gewitter brach los. Blitze zuckten; der Donner rollte dumpf und dröhnend, und plötzlich war es, als platzte der Himmel, solche Regenmassen prasselten hernieder, und immer lauter heulte der Sturm. Der alte Wachtturm schwankte ordentlich bei diesem Tosen des Wetters, und die Pantoffelmachersleute schauten sich zagend an: „So ein Wetter haben wir lange nicht gehabt,“ murmelte Klaus Hippel. Und wie er, so sagten auch die anderen Neustädter. Angstvoll blickte jeder hinaus, und Schrecken ergriff alle, als die Feuerwehr klingelnd durch die Straßen fuhr; es hatte aber nur in einen Schornstein eingeschlagen. Dann krachte wieder so ein heftiger Donnerschlag, daß alle Fenster zitterten, und auf dem Kirchplatz lag eine Linde zerschmettert am Boden. Der Sturm riß Ziegel von den Dächern, und die Bäume neigten sich tief vor seiner Macht. Bis in die Nacht hinein dauerte das Unwetter, dann ließ es nach, und am nächsten Morgen strahlte die Sonne hell über Neustadt. Alles blinkte und blitzte wie frischgewaschen, und der Himmel hatte kein Fleckchen an seinem blauen Kleid. In dem hellen Sonnenschein aber sah man recht, wie arg das Unwetter gehaust hatte; in den Gärten waren die Beete zerwühlt, und der kleine Mühlbach am südlichen Stadtende gebärdete sich wie ein wildgewordener Strom, so dick geschwollen vom Regenwasser brauste er einher.