Doktor Theobald Fröhlich stand in seinem Hause am Fenster und sah hinaus. Draußen schneite es wieder ein bißchen und der Doktor fand Neustadt heute noch stiller als sonst. Acht Tage war er nun schon hier, wie lange sie ihm erschienen! Er seufzte ein wenig; eigentlich gab es doch sehr wenig Unterhaltung in so einem kleinen Nest. Wenn nur erst seine Schwester da wäre, damit er jemand hätte, mit dem er so recht nach Herzenslust plaudern könnte.

„Der Herr Doktor sollte spazieren gehen,“ meinte die alte Dorothee, die sachte durch das Zimmer ging, und wohl sah, daß ihrem Herrn die Stille nicht sonderlich behagte.

„Ja, spazieren gehen, das ist das Beste,“ dachte der Doktor. Er nahm Hut und Wettermantel und stapfte bald vergnügt durch den Schnee. Sein Ziel sollte diesmal die alte Stadtmauer bilden. Es dauerte auch nicht lange, da stand er vor dem alten Wartturm, der eine mächtige weiße Kappe trug und an diesem Wintertag ein bißchen grauer und trübseliger als in Sommerszeiten drein schaute. Das Blumenbrettlein fehlte vor dem Fenster, auch Pantoffeln hingen nicht wie sonst heraus, nur ein kleines, schwarzes Schild zeigte an, daß man hier Pantoffeln kaufen könnte. Auch daß ein Museum im Turm war, las der Doktor unten am Eingangstore; das war ihm gerade recht; kurz entschlossen öffnete er die graue, verwitterte Pforte, und schrill schlug die kleine Türglocke an.

„Mutter Paulinchen, ich glaube, es fliegt ein weißer Spatz in den Turm,“ sagte oben Klaus Hippel.

„I nee, bei dem Wetter,“ meinte die Pantoffelmacherin und lachte, als hätte ihr Mann die spaßhafteste Sache von der Welt erzählt.

Ihr Lachen fand Widerhall, denn das Turmstübchen war voller Gäste. Mit roten Wangen, roten Nasen und Ohren, die sie sich draußen in der Kälte geholt hatten, saßen Brigittchen, Anne-Marte, Jörgel und die Brüder Gutgesell auf der Ofenbank und auf Mutter Paulinchens großer Truhe. Meister Hippel erzählte ihnen gerade wieder etwas aus seiner alten Chronik.

„Es kommt doch wer, Paulinchen,“ sagte der Pantoffelmacher, und da trat auch schon Doktor Fröhlich in die Stube. Der Doktor vergaß vor lauter Erstaunen ordentlich guten Tag zu sagen, denn so etwas wie dieses kleine Turmgemach hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Es sah so bunt und lustig aus wie eine Jahrmarktsbude. Meister Hippel klebte nämlich jedes Bild das er bekommen konnte, an die Wand, dazwischen hingen rote, grüne und braune Tuch- und Samtpantoffeln, zwei Vogelbauer, eine alte Landsknechtlanze und ein krummer Säbel; auf einem Brett standen bunte Teller und Krüge, vor den Fenstern blühten trotz des Winters allerlei Blumen; Blumen und rote Herzen waren auch auf den Schrank und auf die Truhe gemalt. Dazu trug Frau Paulinchen noch ein blitzeblaues Kleid.

„Gelt, kunterbunt sieht’s bei uns aus, Herr Doktor Fröhlich?“ sagte Klaus Hippel.

Der Doktor mußte lachen: „Ja, woher wissen Sie denn, wer ich bin?“

„Du meine Güte, in Neustadt werden die Menschen bald bekannt, außerdem ist die alte Dorothee noch eine Schwestertochter von meines Schwiegersohns Großmutter,“ sagte der Pantoffelmacher und zwinkerte lustig mit den Augen.