„Hier sind auch ein paar alte Handschriften,“ sagte Mutter Paulinchen mitten in das allgemeine Gelächter hinein, „sie sind erst vor ein paar Jahren gefunden worden, aber gelesen hat sie noch niemand. Es war zwar mal ein berühmter Professor da, der wollte sie studieren, er hatte damals aber keine Zeit, und dann ist er gestorben“. Doktor Fröhlich blätterte in den alten Pergamentschriften herum, er konnte die altertümliche Handschrift gut lesen, und die Sache interessierte ihn. Am liebsten hätte er die Blätter mit nach Hause genommen, aber das ging doch nicht an, Pantoffelmachers durften nichts aus dem Museum verborgen. „Der Herr Bürgermeister wird es schon erlauben,“ meinte Mutter Paulinchen.

„Ich möchte auch wissen, was darin steht,“ flüsterte Brigittchen mit versonnenen Augen. Die Kleine war ein rechtes Märchenkind und Geschichten lesen und hören, war für sie das allerallergrößte Vergnügen.

Doktor Fröhlich hatte die Worte gehört, und lächelnd versprach er: „Wenn eine Geschichte darin ist, die Kindern gefallen kann, dann erzähle ich sie euch, wollt ihr?“

Ob sie wollten! Keines sagte nein, und sie versprachen dem Doktor Fröhlich alle, sie wollten ihn recht bald besuchen. Und als er gegangen war — er hatte es sehr eilig, vom Herrn Bürgermeister die Erlaubnis zu erbitten, die alten Schriften lesen zu dürfen — da sprachen die Pantoffelmachersleute und die Kinder noch viel von dem neuen Bekannten. Aber sie hatten nicht, wie es wohl vorkommt, hinter dem Rücken allerlei zu tratschen und zu klatschen, sie waren alle miteinander einig, Doktor Theobald Fröhlich sei ein furchtbar netter Herr.

„Ach, und ein Dichter ist er,“ sagte Brigittchen, und riß vor Bewunderung ihre Veilchenaugen so weit auf, als wollte sie zwanzig Märchen auf einmal lesen.

„Nu,“ erwiderte Klaus Hippel, „einen Dichter können wir in Neustadt auch gerade gebrauchen, wenn der nur die Augen aufmacht und in die Ohren keine Watte stopft, dann sieht und hört er hier so viele Dinge, daß er zehn Bücher voll schreiben kann“.

„Mein Onkel Mayer sagt,“ rief Severin ein bißchen naseweis, „Neustadt wäre ein langweiliges Nest!“

„Dummer Junge!“ schrie der Pantoffelmacher ärgerlich, „wenn das dein Onkel sagt, na, dann kennt halt dein Onkel Neustadt nicht, aber du brauchst so was von deiner Heimatstadt nicht nachzuplappern. Schön ist Neustadt, das sage ich, und ich kenn’ es doch, bin mein Lebtag nicht herausgekommen. Meinetwegen mag Berlin schöner sein und München und Köln und alle großen Städte und der Schwarzwald und auch die Schweiz, Italien, das Meer, was du willst, aber schön ist Neustadt drum. Guckt euch nur ordentlich darin um. Und wenn der Doktor Fröhlich ein rechter Dichter ist, dann gefällt es ihm hier und er bleibt nicht nur bei uns, weil er hier ein Haus hat, sondern weil er die Stadt liebt. Damit punktum; nun macht, daß ihr nach Hause kommt, ich wette, ihr habt alle noch keine Schularbeiten gemacht“.

Das stimmte nun. Die Kinder trabten davon und unterwegs sagte Wendelin zu Anne-Marte: „Vater Klaus ist wirklich schrecklich klug, wie konnte er nur wissen, daß wir noch unsere Schularbeiten zu machen haben?“

Herr Doktor Fröhlich war inzwischen spornstreichs zu dem Bürgermeister Henning gelaufen und hatte dem sein Anliegen vorgetragen, man möchte ihm gestatten, in den alten Schriften zu lesen. Der Bürgermeister hatte nichts dagegen, ja, er freute sich darüber und sagte: „Vielleicht lesen Sie manches, was für die Neustädter Interesse hat, es ist doch immer gut, wenn man etwas von seiner Heimat aus alten Zeiten weiß“.