Gleich am nächsten Tage holte sich Doktor Fröhlich die alten Schriften von Klaus Hippel ab und dieser bat: „Erzählen Sie mir auch, was drin steht, ich höre zu gern alte Geschichten“.

Dorothee hatte in dem braunen Kachelofen in der Bücherstube ein mächtiges Feuer gemacht und es war prachtvoll gemütlich in dem weiten Raum. Doktor Fröhlich saß darin bis in die Nacht hinein und las in den alten Schriften. Während draußen die Flocken fielen, las er wie vor vielen, vielen Jahren die Leute in Neustadt gelebt und gekämpft hatten, und wie sie durch Freude und Leid gegangen waren.

Als dann nach zwei Tagen kleine, rotgefrorene Hände die Glocke an der Haustüre zogen, und Jörgel und Wendelin ein wenig verlegen nach dem Herrn Doktor Fröhlich fragten, da ließ die alte Dorothee die beiden in das Arbeitszimmer ihres jungen Herrn. „Na,“ fragte der, „ihr kommt allein, wo sind denn die andern, ihr denkt wohl, ich soll euch beiden allein eine feine Geschichte erzählen?“

„Die trauen sich noch nicht,“ sagte Jörgel, „Brigittchen sagt, sie dürfte eigentlich nicht zu fremden Menschen gehen“.

„Na, so was!“ rief Dorothee, „sie ist doch oft zu uns gekommen, wie meine alte, gnädige Frau noch lebte, ich werde sie holen gehen“. Nach einem Weilchen kam die Alte zurück, und richtig, sie brachte die schüchternen drei Schatzgräber mit. Die kamen himmelgern und waren froh, daß sie geholt worden waren. Dann saßen alle beisammen in dem gemütlichen Zimmer, und der Doktor erzählte ihnen eine der alten Neustädter Geschichten, er nannte sie:

Gertrudis.

In Neustadt war vor etlichen hundert Jahren, in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, Albrecht Mooshage Bürgermeister. Damals war die Stadt noch reich und angesehen, sie gehörte nicht wie heute zu den Kleinen im Lande. Die Neustädter Bürger waren geachtete Handelsleute, die mit ihren Waren auf die Messen und Märkte der großen Städte zogen. Sie wußten sich auch in vielen Kämpfen gut ihr Recht zu wahren und verteidigten ihre Stadt tapfer gegen mancherlei Unbill. Damals sah es in dem alten Wachtturm am Südtor der Stadt, in dem jetzt Klaus Hippel mit seiner Frau wohnt, nicht so behaglich aus wie heute. Die Stadtsoldaten wohnten in den vier Tortürmen, die es gab, und bewachten die Stadt gut. Es war eine wilde, rauflustige Zeit, und jeder, der durch ein Stadttor kam und ging, mußte Auskunft über woher und wohin geben. Oft genug waren auch die Tore geschlossen, und draußen lagerte ein reisiges Heer, um die Stadt einzunehmen. Das gelang ihnen freilich nicht, erst im dreißigjährigen Krieg ist ja dann das arme Neustadt halb zerstört worden. Der Bürgermeister Albrecht Mooshage war recht ein Mann, um die Stadt gegen alle Unbill zu verteidigen. Er war wie von Eisen, was er wollte, das setzte er durch, und es war nicht gut Kirschen essen mit ihm im Bösen. Als ganz junger Bursche schon hatte er mit einer Handvoll Söldnern ein großes, bischöfliches Heer in die Flucht geschlagen; wie der Sturmwind war er zwischen die Feinde gefahren, die waren gerannt, als wäre ein böser Geist hinter ihnen. Damals hatten die Ratsherren auf der Stadtmauer gestanden und aus vollem Halse darüber gelacht, der älteste von ihnen aber hatte gesagt: „Der soll mal unser Bürgermeister werden“. Er war es auch bald geworden, solch’ jungen Bürgermeister hatte Neustadt noch nie gehabt, freilich auch keinen besseren. Denn Albrecht Mooshage war nicht allein stark, mutig und klug, sondern auch gerecht und fromm, und er litt kein Unrecht. Er war schon etliche Jahre Bürgermeister, als ihn ein großes Unglück betraf: sein junges Weib starb. Die schöne Frau Regina Mooshage war so mild und gut wie eine Heilige gewesen, und als sie starb, da weinten und klagten nicht bloß die Leute aus ihrer Sippe, sondern auch alle Armen und Kranken. Dem Bürgermeister blieb nur ein einziges Kind als Trost. Ein Mägdlein, so fein und blond wie seine Mutter. Die kleine Gertrudis war ein sinniges Kind, das mit gar ernsthaften Augen um sich sah. Als sie etwa zehn Jahre alt war, läutete eines Tages in Neustadt wieder einmal die Sturmglocke, die Feinde ankündigte. Etwa zwei Stunden von Neustadt entfernt liegt noch heute die Ruine Reiffenstein, damals war sie ein stattliches Schloß, das den edlen Herren von Stein gehörte. Der Herr Wunibert von Stein auf Reiffenstein war ein erbitterter Feind der Neustädter, der den Pfeffersäcken, so nannte er die Bürger, gern etwas am Zeuge flickte. Die Fehde zwischen Schloß und Stadt war schon sehr alt, niemand wußte mehr recht, wer angefangen hatte, aber mit der Zeit waren beide so giftig auf einander geworden, daß eines dem anderen immer gern einen Schabernack spielte. Jetzt aber hatte der Herr von Stein auf Reiffenstein in dem Bischof Albert einen mächtigen Freund gewonnen. Auch der Bischof war aus irgend einem Grunde den Neustädtern gram, und die beiden beschlossen, der Stadt einen Fehdebrief zu senden und sie zu belagern.

Der Herzog des Landes war gerade auf einen Reichstag in der Ferne, und damals handelten die Ritter gern auf eigene Faust, ohne viel zu fragen, ob sie auch ganz im Recht wären. Von dieser Absicht erhielt der Bürgermeister Albrecht Mooshage durch einen Handelsmann Kunde, der auf seinem Wege an Schloß Reiffenstein vorübergekommen war. Zu gleicher Zeit erfuhr er auch, daß der zweite Sohn des feindlichen Nachbarn von der Klosterschule, auf der er zwei Jahre gewesen war, heimkehrte. Sein Weg führte ihn dicht an Neustadt vorbei, und der Ritter wollte erst des Sohnes Heimkehr abwarten, ehe er die Stadt überfiel. Als Geisel konnte der kleine Junker der Stadt viel nützen, und der Stadthauptmann Kunz Peuchtinger ritt schnell dem Junkerlein zum freundlichen Empfang entgegen. Etliche Stunden später brachten die Reiter zwei gefesselte Troßknechte und einen blassen, hübschen Knaben von etwa elf Jahren durch das Südtor in die Stadt. Darauf wurden die Tore geschlossen, die Sturmglocken geläutet. Neustadt war kriegsbereit.

Der Stadthauptmann wollte das Junkerlein in eins der unterirdischen Verliese werfen lassen, aber dem widersprach der Bürgermeister. „Es ist ein Kind, und Schande über uns, wenn wir Kindern etwas zu Leide tun wollten,“ sagte er. „Kommt her, Junker, und schwört, daß ihr die Stadt nicht heimlich verlaßt, dann sollt ihr in meinem Hause Wohnung finden“.

Der blasse Knabe schüttelte trotzig die dunklen Locken: „Bewacht mich doch,“ rief er kühn, „ich schwöre nichts!“