„Heisa, das Klosterschülerlein will uns Trotz bieten!“ riefen die Ratsherren und lachten. „Rasch mit ihm ins Verlies, dort soll er schon sanftmütiger werden“.

„Nein, nicht ins Verlies, ich stehe für ihn,“ sagte Albrecht Mooshage ernst, dem der Bursche gefiel und dem es leid war, ihn in dem dunklen, feuchten Keller zu wissen, in dem schon mancher Gefangene elend zu Grunde gegangen war.

Die Ratsherren waren mit dem Entschluß des Bürgermeisters zufrieden. Dessen Haus war wie eine kleine Festung, und Knechte und Mägde waren ihrem Herrn so treu ergeben, daß niemand heimlich aus- und eingehen konnte. Albrecht Mooshage nahm den kleinen Junker bei der Hand und führte ihn in sein Haus. Dann rief er sein Töchterlein herbei und sagte: „Da sieh her, Gertrudis, hier bringe ich dir einen Gefährten, du mußt ihn mir aber wohl hüten, ich habe mein Wort verpfändet, daß er nicht entflieht“.

Gertrudis sah erstaunt auf den blassen Knaben, der beim Anblick des lieblichen Mägdleins verlegen den Kopf senkte. Er hatte sich bei dem Überfall tapfer gewehrt, sein Wams war daher zerrissen und beschmutzt und er schämte sich dessen. Gertrudis hatte gerade von Frau Barbara, der Haushälterin, einen schönen, roten Frühapfel erhalten, den streckte sie flink dem Buben hin und sagte lächelnd: „Magst du ihn, ich geb’ ihn dir gern“.

Der kleine Junker Fridolin nahm den Apfel zwar nicht, aber über sein trauriges Gesicht ging ein heller Schein, es war ihm nun nicht mehr so bang ums Herz als vorher. Er folgte dann willig der Frau Barbara, die ihn in ein Kämmerlein neben des Hausherren Schlafgemach führte, das er fortan bewohnen sollte. Wohl hatte die Kammer ein vergittertes Fenster, und Fridolin merkte auch schnell genug, daß er immer bewacht wurde, trotzdem fühlte er seine Gefangenschaft nicht allzusehr. Gertrudis war so lieb zu ihm wie ein treues Schwesterlein, war er traurig, da wußte sie ihn gar hold zu trösten. Er mußte ihr von daheim erzählen, von seiner väterlichen Burg, von dem Vater, der zwar ein etwas rauflustiger Herr war, aber doch gar gut zu den Seinen. Am liebsten aber hörte es Gertrudis, wenn der Knabe von seiner schönen, frommen Mutter sprach, von ihrer Güte und wie oft sie ihm, dem älteren Bruder Hans und den kleinen Schwestern Geschichten aus der Bibel und Märlein erzählt hatte, wenn sie schnurrend die Spindel drehte.

Den Kindern gingen die Tage friedsam hin, sie hörten wenig von dem was draußen geschah. Der Bürgermeister hatte es seinem Hausgesinde verboten, von der Belagerung der Stadt zu sprechen. Auch Gertrudis durfte in dieser Zeit nie auf die Straße; das von einer hohen Mauer umfaßte Gärtchen war der Tummelplatz der Kinder. So erfuhren sie nicht, daß vor den Mauern das feindliche Heer lagerte und zwischen dem Rat und dem Herrn von Stein und dem Bischof Boten hin und her gingen, die über den Frieden unterhandelten. Die Kinder ahnten auch nicht, daß eines Tages der Rat den kleinen Junker köpfen lassen wollte, weil sein Vater sich nicht in die Friedensbedingungen fügte. — Der Bürgermeister Albrecht Mooshage aber verteidigte eifrig seinen Schützling, der Knabe war ihm lieb geworden, und er atmete erleichert auf, als Bischof und Ritter sich zum Frieden bequemten. Etliche Monate war Fridolin im Hause des Bürgermeisters gewesen, und aus dem Herbst war inzwischen Winter geworden, als er seine Freiheit wieder erhielt. Es war am St. Andreastag, da wurde er feierlich von dem Rat vor das Südtor geführt, dort erwartete ihn sein Vater, der ihn mit heller Freude in die Arme schloß. Vorher hatte Gertrudis traurig von ihrem Freunde Abschied genommen. Sie schenkte ihm ein goldenes Amulett an einem feinen Kettlein, das sie von ihrer Patin bekommen hatte. „Trag’ es immer, es wird dir Glück bringen,“ bat sie. Fridolin versprach es; er selbst gab der kleinen Freundin ein Gebetbuch, in das ein frommer Klosterbruder zierliche Bilder gemalt hatte. Das Buch war des Knaben einziges Besitztum.

„Vergiß mich nicht,“ bat Gertrudis weinend.

„Ich vergesse dich nie, und wenn ich groß bin, dann komme ich und hole dich, dann wirst du meine Frau,“ beteuerte Fridolin. Er war schon draußen, da rief ihm Gertrudis noch nach: „Sag’ deiner Frau Mutter einen Gruß!“

Anfangs hoffte Gertrudis immer, sie würde ihren Freund einmal wiedersehen, aber Monat auf Monat verging, die Monate wurden zu Jahren, er kam nicht. Aus der kleinen Gertrudis wurde eine schöne Jungfrau, „das schönste Mädchen in der Stadt“ sagten die Leute. „Und das beste und frömmste,“ fügten die Armen und Kranken hinzu.