Albrecht Mooshage war noch immer Bürgermeister zum Segen der Stadt, die unter seiner Führung an Macht und Ansehen zunahm. Dies aber erregte den Neid ihrer Nachbarn, und Neider waren es auch, die Neustadt bei dem Landesherrn, Herzog Bernhardt, verklagten. Besonders der Bischof Albert war Ankläger, mit ihm noch ein Ritter von Scherblingen. Die beiden behaupteten, die Stadt, die an der Grenze lag, wollte den Herzog an seinen Nachbar verraten, Hauptanstifter sei der Bürgermeister. Der Herzog, der von heftiger Gemütsart war, fragte nicht lange, ob die Sache auch wahr sei, er forderte den Bürgermeister auf, zu ihm zu kommen und sich zu rechtfertigen oder die Stadt sollte eine harte Strafe erhalten.
Der Rat und die Bürgerschaft baten ihren Bürgermeister dringend, nicht an den Hof des Herzogs zu gehen, sie wollten selbst dessen Zorn Trotz bieten. Aber Albrecht Mooshage sagte: „Ich könnte das nie verantworten, wenn der Stadt um meinetwillen Übles zugefügt würde, ich gehe und sollte es mein Leben kosten. Ich wäre wahrlich ein schlechter Bürgermeister, könnte ich nicht mein Leben für die Stadt lassen!“
So ging er, begleitet von den Segenswünschen seiner Mitbürger und den heißen, heißen Tränen seines Kindes. Bald darauf kam in die Stadt die Kunde, Albrecht Mooshage sei vom Herzog wegen Hochverrates zum Tode verurteilt worden, der Stadt selbst würde, da sich ihr Oberhaupt freiwillig gestellt hätte, nur eine geringe Geldbuße auferlegt. Vergeblich beteuerten Rat und Bürgerschaft die Unschuld des Verurteilten, vergebens boten sie eine hohe Lösesumme für seine Freiheit, der Herzog gab nicht nach.
Während die ganze Stadt auf Rettung sann, verließ die schöne Gertrudis eines Tages heimlich die Stadt, sie wollte sich dem Herzog zu Füßen werfen und um Gnade bitten. Sie hatte sich in eine Pilgerkutte gehüllt, und, ebenfalls als Pilger verkleidet, folgte ihr der treue Hausverwalter Kaspar auf dem gefährlichen Wege. Sie ritten beide in der Frühe eines sonnigen Frühlingsmorgens zur Stadt hinaus, der Stadthauptmann wußte, wer die Pilger waren, und ungehindert ließ er sie durch. Der Weg führte durch einen meilenweiten Wald, in dem die Wege manchmal fast undurchdringlich waren, und die Reisenden kamen nur langsam vorwärts, viel zu langsam für Gertrudis Angst um den geliebten Vater. Sie hatte keinen Blick für die Schönheit ringsum, und nicht wie sonst freute sie sich am Sonnenglanz, an den tausend Blumen und dem Gesang der Vögel. Sie dachte nur an den Vater, und ob es ihr gelingen würde, ihn zu befreien.
Sie waren beide schon viele, viele Stunden geritten, als auf einmal ein schmerzliches Stöhnen an ihr Ohr klang. Erschrocken lauschten beide, es war ein Mensch, der da klagte. Wohl flehte Kaspar angstvoll: „Seid vorsichtig, Jungfrau Gertrudis, kommt rasch weiter,“ aber mutig ritt Gertrudis dem Stöhnen nach. Wo ein Mensch Hilfe brauchte, da zögerte sie nie zu helfen, an ihr eigenes Wohlergehen dachte sie nicht. Bald fanden die Reisenden auch, fest an einen Baum gebunden, einen schönen, dunkellockigen Jüngling in Jägertracht. Er war verwundet, sein ganzes Gesicht war blutüberströmt, er mochte wohl von Wegelagerern im Walde überfallen worden sein.
Gertrudis besann sich nicht weiter, sie sprang rasch vom Pferde, löste mit Kaspars Hilfe die Bande des Gefesselten, der nun befreit ohnmächtig zusammensank. Rasch und geschickt verband Gertrudis dann des Jünglings Wunden, die, wie sie bald sah, nicht gefährlich waren. Dabei verschob sich die Kapuze ihrer Kutte und der Ohnmächtige, der einige Augenblicke die Augen aufschlug, sah erstaunt in Gertrudis holdseliges Gesicht. Dann verlor der Jüngling wieder das Bewußtsein; er merkte es nicht mehr, daß Kaspar ihn vor sich auf das Pferd nahm und mit ihm weiter ritt. „Wir müssen uns sputen, Herrin,“ sagte der ängstlich, „um noch vor Nacht aus dem Walde zu kommen, namentlich mit diesem jungen Herrn, dem man wohl nachstellen mag“.
Sie gelangten aber ohne Unfall aus dem Walde heraus bis zu einer Herberge, dessen Wirtin Kaspar wohl bekannt war. Dort übernachteten beide, da die Pferde der Ruhe bedurften.
Gertrudis übergab den Verwundeten der Pflege der Wirtin. Ehe sie aber am Morgen davonritt, sah sie noch einmal nach dessen Wunden, dabei sah sie ein goldenes Amulett an des Junkers Hals, und nun erkannte sie in diesem Fridolin, ihren einstigen Gespielen. Da entfloh sie rasch, denn sie fürchtete, er möchte erwachen und sie erkennen. Bei dem eiligen Aufbruch aber verlor sie ihr Gebetbuch, das sie zum Trost auf ihrem schweren Wege mitgenommen hatte. Sie merkte es bald, aber sie fürchtete sich umzukehren und rasch ritt sie mit Kaspar weiter.
Als Gertrudis nach einigen Tagen in die Herzogsstadt einritt, da erfuhr sie zu ihrem Entsetzen, daß schon in drei Tagen ihr lieber Vater hingerichtet werden sollte. Vergebens suchte sie zum Herzog zu gelangen, der hatte viele Gäste auf seinem Schloß, und die Wachen wollten den Pilger nicht zu ihm lassen. Da beschloß Gertrudis, am Tage des öffentlichen Gerichtes des Herzogs Gnade zu erflehen. Es gelang ihr aber, ihren Vater zu sehen. Zwar blickte der Schließer den Pilger, dessen Gesicht ganz von einer Kapuze verhüllt war, mißtrauisch an, aber als Gertrudis ihm ein Geldstück gab, da ließ er sie doch zu dem Gefangenen. Der saß in einem dumpfen, halbdunklen Verlies, und Gertrudis wollte schier das Herz brechen, als sie den geliebten Vater so elend sah. Weinend umschlang sie ihn, der Bürgermeister aber erschrak heftig, als er sein Kind erblickte. Es war damals schon eine recht gewagte Sache, wenn ein Mägdlein eine Reise tat, Räuber und Wegelagerer gab es genug auf den Straßen, und Frauen pflegten meist nur unter starker Begleitung zu reisen. Gertrudis erzählte nun dem Vater, wie sie hergekommen sei; daß sie für ihn des Herzogs Gnade erflehen wollte, verschwieg sie jedoch, denn sie fürchtete, der Vater möchte in große Sorge um sie kommen. Es war den beiden nur ein kurzes Wiedersehen vergönnt, dann mußte Gertrudis scheiden, um nicht den Verdacht des Schließers zu erregen. Ihr Vater segnete sie zum Abschied, ermahnte sie zu allem Guten, und unter bitteren Tränen schieden beide von einander.
In ihrem Pilgergewand lag dann Gertrudis die ganze Nacht vor dem festgesetzten Gerichtstage im Dom vorm Altar und betete für ihren Vater. Dabei kam eine wundersame Ruhe über sie, es war immer, als hörte sie eine Glocke tönen: „Sei getrost, sei getrost, es wird alles gut werden“. Und als sie am Morgen in den strahlenden Frühlingssonnenschein hinaustrat, da faßte sie des alten Kaspar Hand und sagte zuversichtlich: „Es muß ja gut werden“.