Auf dem Anger vor der Stadt hielt an diesem Tage Herzog Bernhardt ein öffentliches Gericht ab, dort wollte er das letzte Urteil über den Bürgermeister von Neustadt sprechen, öffentlich sollte der hingerichtet werden. Viele Leute waren auf dem Anger; auf einem erhöhten Platz saß der Herzog im Kreise seiner Räte und Gäste, und alles Volk konnte es sehen, wie der Gefangene vor den Fürsten geführt wurde.
In diesem Augenblicke drängte sich ein Pilger vor und mit dem Rufe: „Gnade, Herr, Gnade für meinen Vater!“ warf Gertrudis die Kutte ab und sank zu des Herzogs Füßen. Der betrachtete nicht ohne Rührung das holdselige Mädchen, und er fragte ernst, aber nicht hart: „Wer bist du, und wie kommst du hierher?“
Gertrudis vermochte vor Schluchzen nicht zu sprechen, und Albrecht Mooshage sagte trüb: „Es ist mein einziges Kind, gnädiger Herr“.
Durch die Menge schritt jetzt eilig ein junger Mann in ritterlicher Kleidung, er sah ein wenig bleich und erschöpft aus, aber stolz und aufrecht trat er vor den Herzog. Gertrudis sah beglückt auf den Jüngling, sie erkannte ihn wohl, und auf einmal erklang wieder hell die Glocke der Hoffnung in ihrem Herzen.
„Was wollt Ihr?“ fragte der Herzog, er sah den schmucken Junker nicht ungnädig an.
„Donner, ja, das ist mein Sohn!“ rief plötzlich der alte Herr von Stein, der sich auch in dem Gefolge befand und gerade hinter dem Herzog saß. Mutig schaute Fridolin von Stein den Herzog und seinen Vater an, dann sagte er: „Ich will meine Bitten mit denen der Jungfrau hier vereinen; ich schulde ihr heißen Dank, sie hat mir vor etlichen Tagen das Leben gerettet“. Dann erzählte der Junker wie ihm ergangen war, und daß er seine Retterin an dem verlorenen Gebetbuch erkannt habe. Da sei er, kaum genesen, schnell hierher geritten. Er sagte zuletzt so recht aus tiefstem Herzen heraus: „Mein gnädiger Herr, übt Gnade an diesem Mann, wahrlich, er verdient es!“
„Ihr bittet für Eures Hauses Feind?“ fragte der Herzog und sah den Junker scharf an.
„Ja, da schlag doch das Wetter drein!“ rief Herr Wunibert von Stein, „aber nichts für ungut, gnädiger Herr, ehrlich währt am längsten. Beim Himmel, ich bin den Neustädtern auch nicht grün, aber für einen Hochverräter halte ich ihren Bürgermeister doch nicht!“
Und plötzlich erhoben sich noch mehr Stimmen für den Angeklagten, manch’ einer, der aus Zagheit geschwiegen hatte, sprach nun für ihn. Der Herzog, der, wenn sein rascher Zorn verraucht war, billig und gerecht dachte, wandte sich an die Ankläger und ließ die noch einmal ihre Beweise vorbringen. Die hatten mancherlei zu sagen, aber wenn einer ruhig und überlegen prüft, kommt er oft zu anderer Ansicht als im ersten Zorn. So erging es auch dem Herzog; die Beweise erschienen ihm auf einmal recht lückenhaft und anfechtbar, und so sagte er endlich: „Ich werde die Sache nochmals von andern Räten untersuchen lassen. Dich, Albrecht Mooshage, Bürgermeister von Neustadt, gebe ich frei, so du schwörst, daß du, wenn du schuldig befunden wirst, dich freiwillig meinem Urteil stellst“.
„Mein gnädiger Herr Herzog,“ sagte der Bürgermeister ruhig, „ich kam, als Ihr rieft, und so werde ich immer kommen, wenn Ihr ruft. Ich bin mir keiner Schuld bewußt!“