Da gab ihn der Herzog frei, und das Volk, das alles mit angehört hatte, jauchzte laut, die beiden falschen Ankläger aber verließen gar geschwind die Stadt, es war ihnen recht bänglich zu Mute. Der Herzog, der bald die völlige Unschuld des Bürgermeisters erkannte, verbannte später beide von seinem Hofe; er führte über den Bischof Albert Klage beim Papst, der diesen seines Amtes entsetzte.

Fridolin von Stein verließ neben Albrecht Mooshage und Gertrudis den Anger, und der alte Herr von Stein auf Reiffenstein sah den dreien etwas mißmutig nach. Er grollte auch gewaltig, als Fridolin ihm später erklärte, er wollte Vater und Tochter heimbegleiten. „Es sind unsere Feinde,“ brummte er. Das mannhafte Auftreten des Bürgermeisters, der bereit gewesen war, sein Leben für den Frieden seiner Vaterstadt hinzugeben, hatte ihm aber doch so gefallen, daß sein Zorn sich besänftigte, und es hatte doch auch Gertrudis seinen Sohn gerettet. Das Ende vom Liede war, daß er selbst mit heimritt. Er versicherte zwar, seine Feindschaft gegen Neustadt sei nicht etwa vorbei, nur sicher heimgeleiten wollte er Vater und Tochter, das sei Christenpflicht, auch sei er niemand gern etwas schuldig, selbst einem Mägdlein nicht. Ein wenig mürrisch ritt also der Ritter an des Bürgermeisters Seite heimwärts, aber war es die sonnenhelle Frühlingspracht, oder war es das frohe Plaudern seines Sohnes mit Jungfrau Gertrudis, was ihn erheiterte, kurz und gut, sein Gesicht hellte sich nach und nach auf, er wurde ganz gesprächig. Der alte Kaspar ritt hinterdrein und dachte in seinem Sinn: „Ob es nun nicht immer so friedlich in der Welt zugehen könnte“.

Die Neustädter aber meinten schier, sie müßten auf den Rücken fallen, als an einem Sonntag Mittag ihr Bürgermeister heil und unversehrt in die Stadt einritt, neben ihm die beiden Herren von Stein auf Reiffenstein. Die Freude war so groß, daß, wie der Chronist schreibt: das Geschrei kein Ende nehmen wollte. „Im Mai des folgenden Jahres“, schreibt dann der Chronist weiter, „hielt Herzog Bernhardt Einzug in seine vielliebe und getreue Stadt Neustadt. Und ritten ihm Rat und Bürgerschaft bis vor das Südtor entgegen, und konnte jeglicher merken, mit welcher Freundlichkeit unser gnädiger Herr Herzog mit unserer lieben Stadt Bürgermeister, Herrn Albrecht Mooshage, sprach. Und dessen Jungfrau Tochter grüßte er mit gar freundlichem Lachen und verlobte sie alsbald mit dem Junker Fridolin von Stein. Hatte auch des Junkers Herr Vater nichts mehr dawider zu sagen und war doch einstens so feindlich unserer Stadt gesinnt.“

„Wie geht’s denn weiter?“ fragte Wendelin, kaum daß der Doktor das letzte Wort gesprochen hatte.

Der lachte: „Ja, Kinder, die Geschichte ist halt zu Ende. Aber jedenfalls ist es dem Bürgermeister und seinen Kindern gut gegangen. Albrecht Mooshage hat noch viele Jahre sein Amt verwaltet, nachher wird der Herr Fridolin von Stein als Bürgermeister genannt. Von dem sagte der Chronist auch, daß er ein gerechter und frommer Mann gewesen sei. Er hat auch auf Bitten seiner Frau das Gertrudenspital erbaut und hat es nach seiner viellieben Hausfrau so genannt. Die schöne Gertrudis ist eine glückliche Frau geworden, sie ist aber nicht allein glücklich gewesen, sie hat auch andere glücklich gemacht, und das ist das Beste, was man von einem Menschen sagen kann“.

Ein Weilchen noch schwatzten die Kinder dies und das, Doktor Fröhlich beantwortete ihnen noch allerlei Fragen, dann liefen sie heim, und auf dem Heimweg sagte Jörgel zu Brigittchen: „Ich möchte auch so werden wie Albrecht Mooshage“. „Und ich wie Gertrudis,“ flüsterte Brigittchen und wurde ganz rot dabei. Jörgel aber rief: „Es ist doch fein, daß unser Neustadt schon so alt ist und eine so wichtige Stadt war!“

Das sagte Klaus Hippel auch, als er die Geschichte erfuhr, und daß just der alte Südtorturm der war, in dem er wohnte, freute ihn am allermeisten.