Weihnachtsaugen.
Die Tage vor Weihnachten sind zwar, so behaupten wenigstens die erwachsenen Leute, recht kurz, den Kindern erscheinen sie aber mitunter endlos lang, und als Severin Gutgesell drei Tage vor dem Feste sagte: „Ich glaube, diesmal wird es überhaupt nicht Weihnachten,“ da fand sein Bruder Wendelin, daß er vollständig Recht hätte.
An eben diesem Tage wurde auch dem Doktor Theobald Fröhlich die Zeit herzlich lang. Er hatte zwar noch sehr viel in seinen alten Schriften zu lesen und gehörte auch sonst nicht zu den Leuten, die sich vor lauter Faulheit langweilen, aber an diesem Tage meinte er doch, die Uhr rücke recht, recht langsam vorwärts. Und war der Doktor ungeduldig, so war es die alte Dorothee nicht minder. Wohl zehnmal erinnerte sie: „Ist es noch nicht Zeit, auf den Bahnhof zu gehen? Der Weg streckt sich“.
Endlich rief ihr Herr: „Dorothee, jetzt gehe ich, Zeit ist noch reichlich, aber stillsitzen kann ich nicht mehr“. —
„Ist auch recht!“ rief die Alte, „das Kaffeewasser wird gleich hingesetzt; du meine Güte, so ein junges Ding, und kommt mutterseelenallein aus einem fremden Lande angereist“.
„Aber nun bleibt sie hier, hurra!“ rief der Doktor, und krach, fiel die Haustür hinter ihm zu.
Er hatte auch Grund zu Freude und Ungeduld, denn er ging auf den Bahnhof, um seine Schwester Helene abzuholen, die nun wirklich, gerade zur rechten Zeit, um ordentlich mit dem Bruder Weihnachten zu feiern, in Neustadt anlangte.
Fräulein Helene Fröhlich, die immer aussah, als wäre ihr Name eigens für sie erfunden worden, hatte Neustadt nicht verschlafen, sie fiel auch nicht auf dem Bahnsteig hin wie ihr Bruder, sondern direkt in dessen weitgeöffnete Arme hinein. Weinend und lachend zugleich lagen sich die Geschwister in den Armen. Drei Jahre hatten sie sich nicht gesehen, eine halbe Ewigkeit schien ihnen dies zu sein. So strahlend sahen beide aus in der Wiedersehensfreude, daß alle Leute, die auf dem Bahnhof waren, anfingen, sich mit zu freuen. Der Herr Inspektor lachte, und der Mann, der die Billetts knipste, auch, ein altes Frauchen sagte: „Nu ja, man denkt s’ist heute schon Weihnachten“.
„Ja wirklich, hier ist Weihnachten,“ rief Helene jubelnd, „hier ist doch Schnee, weißer, weicher Schnee. In Hamburg regnete es, als ich durchfuhr, in London war dicker, gelber Nebel bei meiner Abreise, aber hier ist Winter, ist Weihnachtswetter, nein, wie froh bin ich“.
Und Arm in Arm schritten die Geschwister durch die verschneiten Straßen dem Hause zu, das ihnen gehörte, und in dem sie nun vereint Weihnachten feiern wollten.