„Fräulein Mathilde von drüben ist doch manchmal bei meiner seligen gnädigen Frau gewesen, und das Brigittchen kam oft, da wird es wohl auch heute die Erlaubnis bekommen, zumal der Herr Schön erst gegen Abend von einer Reise wiederkommt, und die Bescherung spät sein wird“.

Gesagt, getan. Dorothee ging ins Nachbarhaus, und Fräulein Mathilde erlaubte den Besuch; sie fand es recht bequem, das Kind auf einige Stunden in guter Obhut zu wissen. Und Brigittchen freute sich. Die schöne Geschichte, die Doktor Fröhlich erzählt hatte, lag ihr noch im Sinn. Froh, aber doch wieder zaghaft, ging sie gleich nach dem Mittagessen hinüber in das Nachbarhaus. Ja, wenn die Freunde mitgewesen wären, dann hätte sie schon Mut gehabt, allein aber war sie ein rechtes Furchthäschen. Doch die Freunde hatten nun mal keine Zeit. Anne-Marte hatte am Morgen nur einmal das Näschen zur Türe hineingesteckt und gerufen: „Ich habe noch mein Kissen für Muttel fertig zu nähen!“ Wendelin und Severin rührten sich an diesem Tage gar nicht zum Hause hinaus, aus Angst, sie könnten etwas Wundervolles verpassen; nur Jörgel war eine halbe Stunde mit seiner kleinen Freundin Schlitten gefahren.

Beinahe wäre Brigittchen an der Türe wieder umgekehrt, so schwer erschien es ihr, allein zu der fremden Dame zu gehen, doch diese hatte schon Umschau gehalten, und sie holte sich geschwind ihren Gast herein. Sie begrüßte das Kind liebevoll und sagte heiter: „Erst mußt du mir helfen Bäume putzen, nachher gehen wir miteinander und tragen Weihnachtsgaben fort, willst du?“

Brigittchen nickte nur. Erst war es, als hätte sie ihren Mund vergessen, und verträumt blickte sie sich um, als sie in ein Zimmer geführt wurde, in dem drei kleine Tannenbäume standen; allerhand glitzernder Schmuck lag dabei, rote Äpfel und buntes Zuckerwerk.

Helene Fröhlich begann geschwind ein blitzendes Sternlein nach dem anderen an die grünen Zweige zu hängen, dabei rief sie munter: „Hilf mir, Brigittchen, da, hänge den Apfel dorthin, hierher einen Schokoladenkringel, tummle dich, geschwind, geschwind, wenn die Sonne untergeht, müssen wir fertig sein!“

Die Kleine griff zaghaft in den schimmernden Tand hinein. Wie wunderhübsch das doch war, daß sie all’ die feinen, zierlichen Dinge an die Bäumchen hängen durfte; da war ein Sternlein, da ein Weihnachtsengel, eine silberne Glocke, leuchtende Kugeln und Ketten.

„Wir wollen auch dabei singen,“ sagte Fräulein Helene, und mit heller Stimme begann sie:

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind!“

Ei, da fiel Brigittchen geschwind ein, und auf einmal tönte in den hellen Zweigesang hinein eine tiefe Stimme; Doktor Fröhlich war in das Zimmer getreten, er wollte nun auch mitsingen. Es klang aber ganz wunderlich, wenn er so tief dazwischen brummte; dichten konnte er wohl, aber nicht singen.

Seine Schwester lachte, und Brigittchen kicherte vergnügt hinter ihrem Bäumchen. Nun kam die alte Dorothee auch herbei und wollte auch mitsingen; sang aber der Herr Dichter so tief, als wollte er in einen Keller fallen, so sang sie so hoch, als wollte sie auf einen Turm klettern. Fräulein Helene kam darüber aus dem Takt, und mit einem fröhlichen Gelächter endete der Gesang.