Inzwischen waren die Bäumchen fertig geworden, und draußen begann sacht die Dämmerung heraufzuziehen. Dann ging es hinaus. Mit Bäumchen und Paketen voll beladen gingen die Geschwister, Brigittchen und Dorothee durch die engen Gäßlein, die hinter St. Marien lagen. In einem schmalen, altertümlichen Haus kletterten Doktor Fröhlich, Fräulein Helene und Brigittchen drei steile, enge Treppen hinauf, und oben führte eine blasse Frau sie in eine armselige Stube.
„Wir sind alle in der Küche, ach! die Kinder können es kaum erwarten,“ sagte sie, und ihr Blick fiel sehnsüchtig auf die Pakete.
„Jetzt spielen wir Weihnachtsmann, Brigittchen,“ sagte Helene Fröhlich, und sie begann geschwind die Pakete auszupacken. Wie in einem Märchen war es, lauter schöne Dinge kamen zum Vorschein, Spielsachen, Kleidungsstücke, Pfefferkuchen und Weihnachtsstriezel. Auf den Tisch wurde ein sauberes Tuch gelegt, das Bäumchen darauf gestellt und eins, zwei, drei war die ganze Stube in ein trauliches Weihnachtszimmer verwandelt. Doktor Fröhlich zog eine kleine Glocke hervor und klingelte, und die blasse Frau und fünf Kinder traten in das Zimmer. Eilig polterten sie herein, aber dann blieben sie alle an der Türe stehen und sahen auf das schimmernde Bäumchen und all’ die schönen Sachen, und ihre Augen strahlten und glänzten, als seien auch darin Lichter angezündet.
„Nun komm husch fort,“ flüsterte Fräulein Helene Brigittchen zu. Sacht schlichen sich die Geschwister und die Kleine aus dem Zimmer, so heimlich, daß Mutter und Kinder in ihrer Freude es gar nicht merkten.
Und weiter ging es, in eine Familie wo der Vater krank lag, er war bei einem Bau verunglückt, auch hier gab es helle Weihnachtsfreude, und der Jubel drang den freundlichen Gebern noch auf die Treppe nach.
„Nun nach dem Gertrudenspital,“ sagte Dorothee, „zu den drei Frauen, die meine selige gnädige Frau immer beschenkt hat“.
Das Gertrudenspital lag dicht an der Stadtmauer; der Weg dahin führte an dem runden Wartturm vorbei, hell leuchteten dessen Fenster in die Dämmerung hinaus. Brigittchen, deren Scheu vor Fräulein Helene schon ganz verschwunden war, erzählte dieser von Klaus Hippel und Frau Paulinchen, und sie hätte gern noch mehr erzählt, aber da war man schon am Gertrudenspital angelangt. Es war jetzt ein Heim für alte Frauen, die hier in ruhigem Frieden ihren Lebensabend verbrachten. Drei von diesen Frauen hatte die verstorbene Tante der Geschwister immer mit allerlei Eßwaren beschenkt, und diese drei Frauen saßen an diesem Weihnachtsabend recht betrübt beieinander. Zu allen andern kamen Angehörige und brachten ihnen etwas zur Weihnachtsfreude, zu ihnen würde wohl niemand kommen, dachten sie, denn ihre alte Beschützerin war tot.
Auf einmal aber trappelte und klingelte es draußen, und herein spazierte Fräulein Helene, ein brennendes Bäumchen in der Hand, Brigittchen und Dorothee schleppten Pakete herbei, und flink hellten sich da die alten Gesichter auf, es gab auch hier echten Weihnachtsjubel.
„Ach, und das feine Bäumchen,“ sagte Trine Tillmann, die älteste der Frauen, „da müssen wir doch nachher gleich die kleine Jantge holen, die hat doch kein bißchen Weihnachtsfreude“.
„Wer ist denn Jantge?“ fragte Fräulein Helene.