Und Trine Tillmann erzählte, Jantge sei eine kleine Waise, von weit her sei sie gekommen, von der holländischen Grenze, hier im Spital sei ihre Urgroßmutter untergebracht, niemand weiter hätte die Kleine auf der ganzen Welt als die alte Frau. Es sei eine besondere Güte von dem Herrn Bürgermeister, daß er erlaubt hätte, daß Jantge vorläufig hier bleiben durfte; was später aus dem Kind würde, das wußte noch niemand. Ein fröhliches Leben hätte die Kleine nun freilich nicht unter all’ den alten Frauen, zumal die Urgroßmutter recht schwach und hinfällig sei. Aber ein liebes Mädelchen wäre Jantge, allezeit freundlich und gefällig, ein rechter kleiner Sonnenstrahl.
„Hätte ich das gewußt,“ sagte Fräulein Helene betrübt, „wie gern hätte ich etwas für das Kind mitgebracht“.
„Sie soll von dem Baum nehmen was sie mag, und Pfefferkuchen und Äpfel soll sie auch von uns haben,“ tröstete Trine Tillmann.
„Ja, das soll sie,“ sagte die alte Bärbe Bach, „s’ist wirklich ein liebes Kind“.
Als die Geschwister Fröhlich und Brigittchen nach herzlichem Abschied von den drei Frauen heimgingen und den langen Flur des alten Gebäudes durchschritten, sahen sie durch eine offenstehende Tür in ein schlichtes, sauberes Zimmer hinein. Dort saß eine alte Frau im Lehnstuhl, und ein kleines, blondes Mädchen brachte ihr sorgsam einen heißen Trank in einer Tasse.
„Das ist gewiß Jantge,“ flüsterte Brigittchen und schaute die Kleine aufmerksam an, die wohl in ihrem Alter sein mochte; sie hatte auch so blonde Haare wie sie selbst, die schauten unter einem weißen Mützchen hervor, und eine große, hellblaue Schürze hatte sie vorgebunden.
„Ja, das wird wohl die kleine Jantge sein; aber nun komm rasch, Kind, sonst schilt deine Tante, daß wir zu lang geblieben,“ sagte Fräulein Helene Fröhlich. Heiter stapften die Wanderer bald darauf durch den Schnee wieder heimwärts. Wieder kamen sie am runden Turm vorbei, hinter dessen Fenster sah man jetzt die Kerzen eines Christbaumes strahlen.
„Nun ist es bald Zeit,“ flüsterte Brigittchen, und Freude lag in ihrem Stimmchen.
„Jetzt hast du Weihnachtsaugen, Kind,“ sagte Helene Fröhlich, als sie der Kleinen unter der Laterne, die gerade vor dem Schönschen Hause brannte, lebewohl sagte. „Behalte deine Weihnachtsaugen und vergiß nicht, mich in den Feiertagen zu besuchen!“
Brigittchen hob sich auf den Zehenspitzen empor, legte ihre Ärmchen um des Fräuleins Hals und sagte ganz leise: „Ich hab’ Sie lieb.“