Ein Weilchen hielt Fräulein Helene das Kind zärtlich in ihren Armen, lieb und warm wie eine Mutter, dann sagte sie heiter: „Nun geh Kleine; fröhliche Weihnacht, sing auch ein Lied unterm Tannenbaum!“

Dann ging Brigittchen in ihr Vaterhaus, dort saß sie noch eine halbe Stunde im dunklen Zimmer, bis hell die Glocke erklang und alle Hausbewohner das Bescherungszimmer betraten. Wie immer ging auch diesmal die Bescherung schnell vorbei, die Dienstleute nahmen ihre Sachen, sagten danke und gingen hinaus; „drinnen kann man sich doch nicht recht freuen,“ meinten sie. Der Hausherr verließ schon nach fünf Minuten das Zimmer, und Fräulein Mathilde rüstete sich zum Fortgehen, sie trug der Köchin noch auf, bald den Baum auszulöschen und sagte zu Brigittchen: „Na Kind, nun spiele nur schön mit all deinen hübschen Sachen, langweilen wirst du dich wohl nicht.“

Da saß nun Brigittchen mutterseelenallein in dem prächtigen Zimmer und schaute auf den brennenden Baum und all die vielen, vielen Spielsachen. Es war alles recht schön, aber ihre Weihnachtsaugen hätte Brigittchen doch beinahe verloren. Zur rechten Zeit aber fiel ihr ein, wie lustig am Nachmittag das Singen im Nachbarhaus gewesen war, und daß Fräulein Helene ermahnt hatte, sie sollte auch bei sich ein Weihnachtslied singen. Sie nahm eine der drei neuen Puppen auf den Arm, holte flugs Lilli, Milli und Cilli, die anderen Puppenkinder herbei, setzte sich mit ihnen auf das Sofa und fing an, ein Weihnachtslied zu singen. „Stille Nacht, heilige Nacht.“ Sie sang erst leise und zaghaft, dann mit immer hellerem Stimmchen, wie ein kleiner Vogel, der sich im Sonnenschein seines Lebens freut.

Draußen in der Küche wurden die Dienstmädchen plötzlich still. „Unser Brigittchen singt,“ sagten sie. So selten war des Kindes Stimme im Hause zu hören, daß es ihnen fast wie ein Wunder vorkam, daß die Kleine sang. Ihnen fiel auch ein, wie einsam doch das Kind sei, niemand von ihnen hatte sich heute noch recht um die Kleine gekümmert. Sie schlichen sich an die Türe und lauschten, und wie sie so die alten trauten Lieder hörten, da wurde es ihnen erst so recht weihnachtlich, feierlich zu Mute.

Auch Herr Schön hörte den Gesang, auch er dachte dabei daran, wie einsam eigentlich sein Kind sei, und auch er stand auf und betrat leise das Bescherungszimmer. Da saß Brigittchen im Kreise ihrer Puppen, wie ein richtiges kleines Mütterchen, und ihre Augen strahlten wie die Kerzen am Lichterbaum. Jauchzend hell sang sie:

„Alle Jahre wieder

Kommt das Christuskind,

Auf die Erde nieder,

Wo wir Menschen sind.“