In Trine Tillmanns Stube saßen alle Insassinnen des Gertrudenspitals, außer Jantges kranker Urgroßmutter, zusammen und aßen Weihnachtsstriezel und tranken Kaffee dazu, auch Jantge war da, da die Urgroßmutter schlief. Die Kleine saß am Fenster vor dem Tannenbäumchen, an dem sie sich gar nicht sattsehen konnte, und sie hatte so strahlende Weihnachtsaugen, als hätte sie eine glänzende Bescherung bekommen. Als nun aber Brigittchen ein wenig verlegen und doch herzensfroh ihre Herrlichkeiten vor dem kleinen Fremdling auspackte, da jubelte Jantge laut auf.
„Eine Puppe, eine Puppe,“ jauchzte sie und preßte das weißgekleidete Lockenkind zärtlich an ihr kleines Herz.
Brigittchen war auch Kindern gegenüber oft ein bischen scheu, und Jantge vergaß auch leicht vor Schüchternheit den Mund aufzutun, aber die Puppe vereinte die beiden rasch, sie fanden sich im fröhlichen Spiel und nach zehn Minuten waren sie miteinander einig, daß das Puppenkind unbedingt Helene heißen müßte.
Brigittchen wurde das Scheiden beinahe schwer. „Du mußt mich besuchen,“ bat sie.
Trine Tillmanns versprach dafür zu sorgen, und Fräulein Helene sagte auch, sie würde Jantge einmal einladen. So trennten sich denn die Kinder, auf ein fröhliches Wiedersehen hoffend, und für Brigittchen kam der Heimweg durch die stille Stadt an Fräulein Helenes Hand. Das war wundervoll, so durch die stillen, weißen Straßen zu gehen, auf denen heute kaum ein Mensch zu sehen war, und zu lauschen, wie Fräulein Helene erzählte, von diesem und jenem, von dem Weihnachtsfest im großen London, von einsamen und glücklichen Kindern, von heiteren Tagen, die kommen würden, und daß sie beide miteinander gute Freundschaft halten wollten.
Helene Fröhlich hatte so eine liebe, zärtliche Stimme, „die spaziert durch alle Herztüren hinein,“ sagte später einmal Klaus Hippel. Und das war wahr, Brigittchen spürte es auch. Außer ihrem Vater gab es gar keinen Menschen auf der Welt, zu dem sie ein so großes Vertrauen hatte wie zu Fräulein Helene. Diese mußte es wohl gemerkt haben, denn auf einmal sagte sie liebevoll: „Willst du mich Tante nennen, mein kleines Mädel?“
Ach, Brigittchen wollte schon, glückselig sah sie zu der neuen Freundin auf. „Tante Helene, Tante Helene,“ zwitscherte sie wie ein Vögelchen, das sein erstes Liedchen probiert.
Vor der Haustüre gab es noch einen herzlichen Abschied, dann hüpfte Brigittchen in das Haus hinein, um drinnen ihrem Vater alles, alles zu erzählen.
Herr Schön sah immer wieder in die strahlenden Weihnachtsaugen seines Kindes und leise begann sein trauriges Herz froh zu werden. Als Brigittchen beim Zubettgehen sagte: „Weihnachten ist zu wunderwunderschön,“ da nickte er und sagte: „Es war ein gesegnetes Fest!“
Im Fröhlichschen Hause aber saßen Bruder und Schwester zusammen unter dem Weihnachtsbaum, den sie sich wieder angebrannt hatten; sie erzählten sich von ihrer harten, freudlosen Jugend und von dem Glück der Gegenwart. Auch sie sagten beide zu einander aus dankbarem Herzen heraus: „Es war ein gesegnetes Fest!“