Die Fremden gingen, und die Frau kehrte in ihre Stube zu dem unterbrochenen Spiel zurück. Dort hatten die Kinder einstimmig erklärt, vor den Fremden wollten sie nicht spielen, und zur Abwehr waren sie alle miteinander in den Zauberwald zwischen Brett und Kommode gekrochen; daß es darin etwas eng zuging, erhöhte nur das Vergnügen.
Die Geschwister Fröhlich hatten wohl den Spott der Fremden gemerkt, Fräulein Helene dachte mit nachsichtigem Lächeln an den erstaunten Blick der Dame, die fand es sicher komisch, daß sie hier im Pantoffelmacherstübchen saß und dem Spiel der Kinder lauschte. „Wie kleinstädtisch ist diese Fastnachtsfeier,“ hatte die Fremde geflüstert.
„Sie weiß eben nicht, wie traut und heimlich es in einer kleinen Stadt sein kann,“ dachte Helene Fröhlich, und sie sah sich selbst wieder so einsam und verlassen in dem riesengroßen London sitzen. Mutterseelenallein war sie gewesen, und niemand hatte sich um sie gekümmert.
„Warum bist du so traurig, Tante Helene?“ fragte auf einmal ein liebes Stimmchen. Prinzessin Brigittchen war aus dem Zauberwalde hervorgekrochen, weil sie gesehen hatte, wie sinnend und betrübt ihre Tante auf einmal dreinsah.
„Ich bin nicht traurig, mein Herzel,“ sagte Fräulein Helene, und ihre Stimme klang auf einmal wieder froh und hell. Sie nahm ihre kleine Freundin auf den Schoß, und Brigittchen schmiegte sich ganz fest an sie an und sagte wieder wie so oft: „Ich hab’ dich lieb!“
Just in diesem Augenblick trat Frau Paulinchen in das Zimmer, und ihr Mann rief ganz enttäuscht: „Wo sind denn die fremden Herrschaften geblieben?“
Seine Frau erzählte von dem Besuch, aber sie mußte zweimal erzählen, ehe es der gute Klaus Hippel begriff, daß es den Fremden ganz und garnicht oben im Turm gefallen hatte. „Nicht gefallen bei uns!“ rief er einmal über das andere erstaunt, „ja, wie ist denn so was möglich! Ich bin zwar noch nie aus Neustadt herausgekommen, aber so was Schönes wie unseren Turm, die Aussicht und das Museum, habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen, wirklich und ganz gewiß nicht, na, so was aber auch!“
Ein Weilchen verging mit Hin- und Herreden, ehe das Spiel fortgesetzt werden konnte. Frau Paulinchen wollte die Schwerter und Helme wieder von oben herunterholen, aber Doktor Fröhlich meinte, es ginge auch so, einer der Ritter könnte seinen Spazierstock, der andere die Ofengabel nehmen. Und es ging wirklich so, das Spiel wurde in aller Fröhlichkeit fortgesetzt, die gefangene Prinzessin und ihre Hofdamen ächzten und stöhnten zum Erbarmen, die Ritter brüllten machtvoll, der Zauberer zauberte gar erstaunlich, aber zuletzt half ihm alle Zauberei nichts, er wurde eingesperrt, die Prinzessin befreit und von Ritter Wendelin als Braut heimgeführt. —
Es war wirklich ein wunderschönes Stück gewesen, Mutter Paulinchen und die Schneidermeisterin weinten vor Rührung, und der Pantoffelmacher war so aufgeregt, daß er zuletzt alle Verse mitsagte. Kurz, es war wunderschön, Klaus Hippel sagte es immerzu, und der mußte es doch wissen, er hatte ja das Stück gedichtet.
Daß es nachher Pfannkuchen gab und für die Erwachsenen Punsch, trug nicht wenig zur Lust bei. Und Fräulein Helene zeigte dabei, daß sie auch etwas von Zauberei verstand, sie gab nämlich jedem Kind einen besonders großen Pfannkuchen, recht dick mit Zucker bestreut und sagte: „Eßt mal die, sie sind besonders gut, brecht sie aber auseinander.“