Frau Bäckermeister Gutgesell sagte ja, ohne alle Fragen, die Doktorin aber wollte wissen, wie es mit der Einladung gekommen sei. Treuherzig erzählte es Jörgel und die Mutter lachte: „Na,“ meinte sie, „das ist freilich eine einfache Art, zu einer Einladung zu kommen, doch geht schon, Fräulein Helene ist aber beinahe zu gut zu euch Wildfängen!“
Wenige Minuten später standen die sechs Kinder in dem Flur des Fröhlich’schen Hauses, und Fräulein Helene half ihnen die Mäntel ausziehen. Die alte Dorothee hatte ein wenig gebrummt über die Sonnabendgäste, aber schließlich, als sie sah, mit welcher Freude die Kinder ankamen, ging sie doch in die Küche, um ihre berühmte Schokolade zu kochen. Nirgends, aber auch nirgends schmeckte Schokolade so gut wie die von Dorothee gekochte, die Kinder sagten es und da mußte es doch stimmen.
„Heute gibt es aber etwas Besonderes,“ sagte Fräulein Helene, „mein Bruder hat ein Märchen geschrieben, das will er euch erzählen.“
„Ein Märchen!“ jubelte Brigittchen fröhlich, „kommt eine Prinzessin darin vor?“
„Sogar eine Königin und viel, viel Schnee,“ erwiderte Helene Fröhlich, „nun kommt herein, erst spielen wir etwas, dann trinken wir Schokolade und zuletzt bekommt ihr das Märchen vorgesetzt!“
Und so wurde es auch. Wendelin sagte zu Jantge: „Es ist doch sehr gut, daß wir heute eingeladen worden sind.“ Das fanden die anderen Kinder auch, es war urgemütlich in dem großen, altmodischen Wohnzimmer, und die Kinder bekümmerte es nicht, daß es draußen immer toller stürmte und schneite. Als nach lustigen Spielen und einer fröhlichen Schmauserei sacht die Dämmerung hereinbrach, da erzählte Doktor Theobald Fröhlich den Kindern ein Schneemärchen, er sagte, die wirbelnden Schneeflocken draußen hätten es ihm erzählt, das Märchen aber nannte er:
Durch der Schneekönigin Reich.
Es war ein Wintertag wie heute. Weiche, weiße Flocken sanken vom Himmel auf die Erde herab, die darunter träumend schlief. In einer kleinen Stadt, die noch ein wenig kleiner und winkeliger als Neustadt war, lag der Schnee so hoch, daß das ganze kleine Nest wie in einem dicken, riesengroßen Federbett lag. Im letzten Haus des Städtchens, das schon auf freiem Felde stand, wohnte eine arme Witwe mit ihrem Sohn. Schwerkrank lag der in seinem Bette und der Arzt, der vor etlichen Stunden dagewesen war, hatte gesagt: „Gute Frau, ich kann euch nicht mehr helfen, alle meine Pillen und Tropfen nützen nichts mehr gegen diese Krankheit.“
Die arme Witwe konnte nicht mehr weinen, so groß war ihr Jammer, verzweifelt starrte sie in die weiße Winterpracht hinaus. Gab es denn kein Mittel mehr, um ihren Sohn, ihr einziges, geliebtes Kind zu retten?
Wie sie so saß in ihrem Herzeleid, hörte sie auf einmal zwei Krähen vor den Fenstern krächzen. Es war ihr, als riefen die beiden immerzu: „Geh’ zur weisen Frau, geh’ zur weisen Frau!“