Da kam es ihr in den Sinn, daß draußen auf der Landstraße eine alte Frau wohnte, die wegen ihrer Güte und Klugheit berühmt im Lande war und bei der schon mancher in Sorge und Not Hilfe und Rat gefunden hatte. Die arme Witwe hüllte ihren Sohn in warme Decken, nahm ihn auf den Arm und lief so schnell ihre Füße sie trugen, zu der weisen Frau hin.

Die saß in ihrem Stübchen, in dem die Blumen blühten und die Vögel sangen, als sei Frühling. Finken und Zeisige und ein gar klug drein schauender Starmatz hüpften zwischen den Blumenstöcken herum, und die weiße Katze, die zu ihrer Herrin Füßen lag, dachte gar nicht daran, den Vögeln etwas zuleide zu tun.

So friedlich war es bei der weisen Frau, daß in dem Herzen der armen Witwe die Hoffnung zu blühen begann, und flehend klagte sie der Frau ihr Leid: „Mein Sohn ist mein einziges Glück auf der Welt, nun ist er so krank, er leidet so große Schmerzen und niemand kann ihm helfen, weißt du keinen Rat?“

„Du armes Weib,“ sagte die weise Frau und sah die Bittende traurig an, „ich kann dir wenig Trost geben; wohl weiß ich einen Arzt, der einen Wundertrank besitzt, aber der Weg zu ihm ist so mühsam und schwer um diese Winterzeit, noch nie ging ein Mensch diesen Weg zu Ende!“

„Ach!“ rief die Mutter, „sage mir nur geschwind den Weg, für mein Kind ist mir nichts zu schwer, keine Mühsal ist mir zu groß!“

„Ich will dir gern den Weg zeigen,“ erwiderte die weise Frau. „Der Arzt wohnt am Ende eines großen Waldes, durch den mußt du wandern, wenn du zu ihm gelangen willst. Aber ich sage dir, der Weg ist unendlich schwer, denn in dem Walde haust die Schneekönigin, sie hat ein Herz von Eis und wenn ein Mensch in ihre Macht fällt, dann küßt sie ihn, bis er zu Eis erstarrt, sie kennt kein Erbarmen und gibt keiner Bitte Gehör. Sie kann dir freilich nichts tun, solange du ohne dich umzuschauen vorwärts schreitest. Aber du darfst ja nicht stehen bleiben, nicht rasten, dich nicht umsehen, denn sonst verfällst du der Macht der Schneekönigin. Glaube mir, es haben schon viele Menschen versucht, den Wald zu durchschreiten, aber es ist noch niemand gelungen. Meinst du aber die Kraft zu haben, dann will ich mein Wäglein rüsten, ich habe ein schwarzbraunes Pferdchen, das läuft schneller als der Wind, das trägt dich in kurzer Zeit bis an den Wald.“

„Ach bitte, bitte, liebe Frau,“ rief die arme Mutter, „rüste rasch dein Wäglein, damit ich schnell bis an den Wald komme, ich fürchte mich gar nicht, ich kann es nicht glauben, daß die Schneekönigin stärker sein soll, als einer Mutter Liebe!“

„Wie du willst,“ sagte die weise Frau. Sie ging und spannte geschwind ihr Pferdchen an und sie fuhr die Witwe dann selbst bis an den Wald. Das Pferdchen lief wirklich so schnell, daß der Wind hinterher jagte, nicht mitkonnte, er wurde ganz ärgerlich darüber und fing in einem Dorf so zu schelten an, daß die Bauersleute erschrocken zu einander sagten: „Hört nur, wie der Wind pfeift, nein, so ein schlechtes Wetter!“

Als der Wagen an den Wald der Schneekönigin anlangte, zogen gerade Wolken über die Sonne dahin, die stand dahinter wie eine große, weiße Blüte.

Herzlich dankte die Witwe der weisen Frau, dann nahm sie sorgsam ihren Sohn auf den Arm, der leise vor Schmerzen weinte, und unverzagt betrat sie den Wald.