Hohe, schneebedeckte Tannen ragten empor, von ihren Zweigen hernieder hingen lange Eiszapfen und am Wege blühten große, seltsam geformte Eisblumen, die schimmerten und flimmerten wie von tausend Diamanten besät. Der Fuß der Wanderin versank tief in der weichen Schneedecke, und immer dichter fiel der Schnee herab, langsam, lautlos sank Flocke auf Flocke hernieder und die Luft war von Schnee erfüllt.
Tiefe, schauerliche Stille herrschte ringsum und kein Vogelschrei wurde hörbar. Das Schweigen legte sich beklemmend auf das Herz der Frau und eine große Angst erfaßte sie. Es war ihr, als wüchsen die Tannen immer dichter zusammen, als würde der Schnee tiefer und tiefer. Aber da weinte leise das kranke Kind in ihren Armen und mutig schritt sie vorwärts, um die Rettung für ihr Kind zu suchen.
Doch plötzlich wuchsen die Flocken, sie wurden größer und größer. Aus den wirbelnden Sternchen wurden zarte, weiße, schleierumhüllte Mädchengestalten. Die wiegten und neigten sich in der Luft und die hauchten der armen Frau in das Gesicht, daß es sie eisig durchdrang, und sie fühlte, wie die Füße ihr erstarrten.
Und so schwer schien ihr Kind zu werden und immer dichter kamen die weißen Gestalten, ihre Schleier streiften die Wangen der Mutter, da war es dieser, als würde sie mit Messern geschnitten.
Auf einmal ging jäh ein Brausen durch die Luft. Pfeifend wehte der Wind, und die arme Frau kam immer schwerer vorwärts. Da erblickte sie vor sich eine hohe weiße Gestalt in wehendem Mantel, der mit Diamanten umsäumt war. Auf ihrem Haar, das schwärzer als die Nacht war, lag eine funkelnde Krone. Das Antlitz war weißer als der Schnee und furchtbar waren die Augen, hart, grausam, und sie schimmerten blaugrün wie der See, wenn er zu Eis erstarrt ist.
Das war die Schneekönigin! Die arme Mutter fühlte es, und ihre Angst wuchs. Lachend streckte die Schneekönigin die weißen Arme aus, und dann begann sie zu sprechen und ihre Stimme klang wie springendes Eis: „Eile doch nicht so, arme Frau, komm, raste ein wenig in meinem Reich. Ich sehe es ja, du bist müde, und dein Weg ist noch weit. Komm, ruhe dich aus im weichen Schnee und gib mir dein Kind, ich will es gesund küssen!“
Eine große Müdigkeit überfiel die arme Mutter, sie fror nicht mehr, sie war nur müde, ach, so müde, und das Kind in ihrem Arme wurde immer schwerer, sie brach fast unter der Last zusammen. Aber sie dachte an die Warnung der weisen Frau und in der Angst ihres Herzens rief sie laut: „Lieber Gott, hilf mir doch!“
Da wich die Schneekönigin langsam zurück. Aber ihr Mantel umflatterte die Frau, daß diese den Weg nicht zu erkennen vermochte, und es wurde dunkler und dunkler. Die Nacht senkte ihre Schatten herab und der armen Mutter wurde es bitterangst in dieser Dunkelheit, in der sie den Weg nicht mehr zu erkennen vermochte. In ihrer Not rief sie wieder: „O Mond, du lieber Mond, habe doch Erbarmen und leuchte mir um meines Kindes willen!“
Ganz sacht verbreitete sich da ein silberner Schein über den Wald und es begann wundersam zu leuchten. Silbernes Licht glitt an den Stämmen der Tannen herab und legte sich hell auf den Weg. An dem dunklen Nachthimmel schwebten silberumsäumte Wölkchen, und dann stieg klar und voll über den dunklen Bäumen der Mond empor.
Dankbar sah die arme Witwe zu ihm auf, das liebe Himmelslicht lächelte gerade so sanft und mild auf sie herab, wie in den einsamen Nächten, da sie am Bett ihres Kindes gewacht hatte. Neuer Mut zog in ihr verzagtes Herz, und tapfer schritt sie vorwärts. „Ich werde mein Ziel dennoch erreichen,“ dachte sie.