Osterwasser.
Er kam nun wirklich immer näher der Frühling! Der Winter raffte seinen weißen, schon ein bißchen zerfetzten Mantel zusammen und zog brummelnd davon. Manchmal drehte er sich noch herum und warf den Menschen, deren Jauchzen ihm nachtönte, ärgerlich eine Handvoll Schnee auf die Köpfe. Aber das schadete nicht mehr viel, man merkte es doch an allen Ecken und Enden, daß der Frühling kommen wollte. —
Doktor Fröhlich und seine Schwester merkten es auch, wenn sie in ihrem Garten spazieren gingen. Da schaute ein grünes Spitzchen heraus und da eins, die Krokusse waren draußen, ehe man sich’s versah, wie kleine Soldaten standen sie in ihren blauen, gelben und weißen Röcklein auf der braunen Erde. Und die Schneeglöckchen kamen, die Leberblümchen, auch die Hyazinthen steckten ihre dicken Köpfe hervor. Der Garten war der Wunder voll. Jeden Tag entdeckten die Geschwister etwas Neues, Schönes, und Brigittchen, die täglich den Weg ins Nachbarhaus fand, jauchzte mit über all die köstlichen Frühlingswunder.
Die beiden Geschwister dachten und sprachen von ihrem einsamen Leben in den Weltstädten, dort war der Frühling gekommen und vergangen und sie hatten ihn kaum recht gespürt, aber hier in dem kleinen Städtchen gab es so viel Frühlingsahnen und so viele Frühlingsfreude, daß jeder Tag wie im Feierkleid dahinging.
Brigittchen sang kleine, fröhliche Frühlingslieder, der Doktor grub im Garten die Beete um, und manchmal kam auch Herr Schön mit hinüber ins Nachbarhaus, und Fräulein Helene zeigte ihm alle Blumen und die Knospen an den Bäumen und Sträuchern.
Die Kinder aber sagten zu einander: „Nun fangen bald die Osterferien an!“
Manch ein Bube und manch ein Mädelchen sagte dies freilich recht bedrückt, das waren die, die ans Sitzenbleiben und an schlechte Zensuren dachten. Zu denen gehörten aber die fünf Schatzgräber nicht, selbst Wendelin und Severin, die sich gerade nicht immer durch besonderen Fleiß auszeichneten, hatten in den letzten Wochen noch mit beinahe unheimlichem Eifer gearbeitet und hatten so die Klippe des Sitzenbleibens kühn umschifft. So redeten sie denn auch sehr stolz und sicher von den Osterferien und von Feiertagslust, als sie mit den drei Mädels und Jörgel in Meister Hippels Turmstübchen saßen, es war kurz vor Ostern, ein Tag vor Schulschluß.
Klaus Hippel erzählte den Kindern allerlei, und dabei sagte er auch: „Ich hab’s zwar noch nie gesehen, aber möglich ist’s schon, daß die Sonne am Ostermorgen einen Hopps macht und ein Weilchen tanzt!“
Die Kinder lachten, nur Brigittchen schaute ernsthaft mit großen, verträumten Märchenaugen drein, ihr schien es gar nicht unmöglich, daß die Sonne tanzen könnte.
„So ein Unsinn!“ rief Jörgel.