Von diesem Schatz nun wurde in Neustadt in den Zeiten, die kamen und gingen, viel gesprochen. Früher hatte wohl mancher in aller Heimlichkeit sein Gärtlein umgegraben, und wurde ein Grundstein zu einem neuen Hause gelegt oder ein altes, baufälliges Haus eingerissen, immer gab es etliche, die hofften, der Schatz sollte sich schon finden. Er fand sich aber nicht, und zuletzt suchte niemand mehr so recht ernsthaft danach. Die Geschichte von dem Schatz wurde zu einem Märchen, das den Kindern erzählt wurde, und mancher Bube dachte wohl, wenn ich groß bin, suche ich den Schatz; wuchs er heran, dann vergaß er gewöhnlich sein Vorhaben.
Von dem vergrabenen Schatz nun sprachen an einem sonnenhellen Herbsttag fünf Kinder, die einträchtiglich, wie Schwälbchen auf dem Dachfirst, auf der alten Stadtmauer saßen. Dieses letzte Stück der einst so trutzigen Stadtmauer zog sich jetzt als Grenze zwischen einer engen Gasse und hübschen, schattigen Anlagen hin. Am Ende dieses Mauerrestes stand ein runder Turm, es war dies der letzte der acht Wachttürme, die Neustadt einst besessen hatte. In dem Turm, der noch fest und unversehrt dastand, wohnte nicht mehr wie einst eine Schar eisenbewehrter Wächter, sondern ein Pantoffelmacher, Klaus Hippel genannt. Und kriegerisch sah der ganze Turm auch nicht mehr aus, statt der Feuerbüchsen früherer Zeiten hingen an schönen Tagen zu den kleinen Fenstern des Turmes bunte Pantoffel heraus, und auf schwankendem Blumenbrettlein blühten Rosen, Geranien und lichtrote Kapuzinerkresse. Und Klaus Hippel selbst konnte keiner Fliege etwas zu Leide tun, er hantierte allzeit fröhlich mit seinem Handwerkszeug herum, fertigte wunderschöne, warme, weiche Pantoffel und war gut Freund mit allen Kindern, die sich die Anlagen an der Stadtmauer zum Spielplatz erkoren hatten.
Auf der alten Stadtmauer zu sitzen war eigentlich von Rats wegen verboten, aber von Pantoffelmachers wegen durften die Kinder darauf sitzen so viel sie wollten, sie taten es auch, und niemand kümmerte sich weiter darum. Vom Turmtor aus führte ein eisernes Wendeltreppchen auf die Stadtmauer hinauf, und Klaus Hippel lachte nur gutmütig, wenn er die Kinder das Treppchen hinaufklettern sah. Er selbst saß in seinem Stübchen hinter dem Blumenbrett bei seiner Arbeit, und seine ebenso fröhliche, wie gutmütige Frau Pauline wirtschaftete eifrig in ihrem kleinen Reich herum, und wenn die beiden alten Leutchen lachten, dann pfiff Mausel, der Dompfaff, vergnügt: „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter!“
Oben im Turm war ein kleines Museum, da hingen allerlei Waffen und Rüstungen, auch ein paar alte Möbel gab es zu sehen; das Schönste aber war die Aussicht von oben, über das weite Land hin bis zum fernen Gebirge. Paulinchen Pantoffelmacher, wie die lustige kleine Frau im Städtchen genannt wurde, brauchte zwar selten das Turmgemach aufzuschließen, weil selten genug Fremde sich nach Neustadt verirrten. Kam wirklich mal jemand, dann rief Klaus Hippel: „Aufgepaßt, ein weißer Spatz fliegt in den Turm.“
Die fünf Kinder nun, die an diesem hellen Herbsttag auf der Stadtmauer saßen und von dem Schatz sprachen, waren Pantoffelmachers besondere Freunde. Im zierlichen, weißen Kleidchen saß in der Mitte Brigittchen Schön; so ganz unrecht trug die Kleine ihren Namen nicht, sie war wirklich sehr lieblich, hatte lockiges, dunkelblondes Haar, ein zartes, feines Gesicht und Augen so blau wie zwei Veilchen. Brigittchen war das einzige Kind eines wohlhabenden Kaufmannes. Reich war der Herr Schön, dabei aber doch arm, ihm waren vor wenigen Jahren sein liebes Weib und sein kleiner Sohn gestorben, und nur Brigittchen war übrig geblieben. Eine ältere Verwandte, Fräulein Mathilde, hütete das Haus; sie meinte, es sei genug wenn sie dafür sorgte, daß die Kleine immer weiß wie ein Maiglöckchen angezogen sei. Daß ein Kind recht viel Liebe braucht, gerade so wie eine Blume den Sonnenschein, daran dachte sie nicht, und wenn der Vater verreist war, was oft geschah, dann wäre Brigittchen recht verlassen gewesen, wenn es nicht so gute Freunde gehabt hätte. Freunde hatte nun freilich die Kleine, wie man sie sich nicht besser wünschen kann, Freunde, die, wenn es darauf angekommen wäre, für sie durch Feuer und Wasser gegangen wären. Auch heute saßen ihre Freunde mit ihr zusammen auf der Stadtmauer. Da war zuerst ihre allerallerbeste Freundin Anne-Marte Fabian und deren Bruder Jörgel. Der Vater der Kinder war ein tüchtiger und beliebter Arzt im Städtchen, und das Doktorhaus lag am Kirchplatz, dicht neben Brigittchens Vaterhaus. Dann waren auch noch die beiden Bäckerbuben Wendelin und Severin Gutgesell da, die in der Marienstraße wohnten, und die dem Brigittchen so treu ergeben waren, daß sie mit Vergnügen die schönsten Prügel eingeheimst hätten, wenn sie damit der Kleinen einen Gefallen getan hätten. Das verlangte Brigittchen nun freilich nicht, ja, wenn ihren Freunden nur ein geringes Leid geschah, so weinte sie so bitterlich, daß es beinahe eine Überschwemmung gab. Und dem Weinen nahe war die Kleine auch an diesem Herbsttage; überhaupt sahen alle fünf Freunde so aus, als sei ihnen die Petersilie verhagelt, und trotzdem war es doch der erste Tag der Herbstferien und acht schulfreie wundervolle Tage lagen vor ihnen. Sie waren auch am Morgen in seliger Lust ausgezogen, um allerlei Vergnügliches zu unternehmen; der erste Besuch sollte Pantoffelmachers gelten, Frau Paulinchen hatte versprochen, ihnen wieder mal das kleine Museum recht gründlich zu zeigen, und Klaus Hippel wollte ihnen eine Geschichte aus seinem Lieblingsbuch vorlesen; dies war eine alte Chronik der Stadt Neustadt. Aber ach, die erhofften Freuden wurden bald zu Wasser. Statt sie wie sonst mit Singen, Pfeifen und schalkhaften Worten zu begrüßen, murmelte der Pantoffelmacher an diesem hellen Morgen nur verdrießlich: „Na, seid ihr da?“ Und tief seufzend nähte er so emsig an seinem Pantoffel weiter, als stände jemand barfuß neben ihm und schrie: „Eil dich doch, ich friere ja an meine Füße!“
An dem Kachelofen aber saß Frau Paulinchen und weinte herzbrechend, und weil Brigittchen nun mal niemand weinen sehen konnte, ohne mit zu weinen, flossen auch gleich ihre Tränen, und wenn die Freundin weinte, mußte Anne-Marte auch weinen, und so schluchzten denn die Mädels jämmerlich los. Den Buben wurde es ungemütlich, Tränen waren ihnen ein Greuel, Severin, der blonde Bäckerbube, riß krampfhaft die Augen auf, und Wendelin, der Schwarzkopf, knipste sie fest zu. Nur nicht etwa mitheulen! Jörgel zupfte seine Schwester und brummte: „Heul’ man nicht so, es ist ja schrecklich!“
Die Ermahnung half nicht viel, und so trat Jörgel dicht an den alten Klaus heran und fragte: „Was ist denn los?“
„Was nicht angebunden ist,“ brummte der Pantoffelmacher, „potzwetter ja, hört doch auf mit dem Geflenne!“
Dabei aber rollten dem alten Mann selbst langsam zwei schwere Tränen über das runzelige Gesicht, er sah so traurig aus, daß die Kinder fühlten, hier war ein rechtes Leid eingekehrt.
Sie hätten es aber wohl so bald nicht erfahren, was geschehen war, wenn nicht urplötzlich der Schneidermeister Langbein, der trotz seines Namens so kurz war wie der kürzeste Tag im Jahre, in die Stube geflitzt wäre: „Nachbar, Nachbar,“ schrie er aufgeregt, „ist’s wahr, daß euer Schwiegersohn so viel Geld verloren hat?“