Ja, es war so. Mutter Paulinchen rang jammernd die Hände, und ihr Mann erzählte dem Schneidermeister die ganze traurige Geschichte. Der Schwiegersohn der alten Leute, Friedrich Lange, war ein braver, rechtlicher Mann, er war als Kassenbote in dem größten Bankgeschäft angestellt. Am vergangenen Tag hatte er Geld austragen sollen, er war schon seit einigen Tagen krank gewesen, hatte aber seinen Dienst nicht versäumen wollen. An diesem Nachmittag nun wurde ihm auf einmal schwindelig, gerade als er durch den Stadtwald ging, da hatte er sich zum Ausruhen ein Weilchen auf eine Bank gesetzt, dann war er weiter gegangen. Plötzlich aber hatte er seine Geldtasche vermißt. Hatte er sie verloren, war sie ihm gestohlen worden? Er wußte es nicht, er war gleich umgekehrt und hatte gesucht, vergeblich, nirgends war die Tasche zu finden gewesen. Stundenlang hatte er noch gesucht, war auf die Polizei gelaufen, den Verlust zu melden, alles vergeblich. Der Direktor der Bank war, als ihm die Sache erzählt wurde, so zornig gewesen, daß er den armen Mann gleich entlassen und ihm gedroht hatte, er würde ihn anzeigen, wenn er nicht binnen drei Tagen das Geld herbeischaffte. „Und wenn wir zusammen alle unsere ersparten Groschen hergeben,“ klagte der alte Klaus, „dann reicht es noch nicht einmal, und die gute Stellung hat mein Schwiegersohn auch verloren, wo wird er nun Arbeit finden.“

Es war wirklich sehr trübselig in dem alten Turm gewesen, bedrückt waren die Kinder von dannen geschlichen, und niedergeschlagen saßen sie nun auf der Stadtmauer und überlegten, wie dem Pantoffelmacher zu helfen sei. Ach, in ihren Sparbüchsen war auch nicht viel Geld. Jörgel sagte verächtlich, als Brigittchen davon sprach: „Das nutzt gar nichts, viel mehr Geld müssen wir haben.“

„Wenn wir den Schatz fänden,“ sagte Wendelin plötzlich sinnend.

„Ja wenn, wo liegt er denn, wenn wir das nur wüßten?“ brummte Severin.

„Im ehemaligen Klostergarten, Heine hat’s gesagt,“ murmelte Wendelin halblaut, als fürchtete er, jemand könnte das große Geheimnis hören.

Heine war ein Bäckergeselle, der für die beiden Bäckerbuben ein Orakel war. Sie fragten Heine nach allen möglichen Dingen, und wenn Heine etwas sagte, stimmte es sicher.

„Im Klostergarten?“ rief Jörgel, „das könnte schon sein, Klaus hat auch einmal gesagt, das Kloster sei einst reich und mächtig gewesen?“

„Wir wollen den Schatz suchen,“ sagte Brigittchen eifrig. „Paßt auf, wir werden ihn finden, dann helfen wir Klaus und schenken allen Leuten was zu Weihnachten!“

„Fein,“ schrie Anne-Marte und baumelte vor Vergnügen so mit ihren Beinchen, daß der Mörtel von der alten Stadtmauer herabrieselte.

„Fein wär’s schon,“ meinte auch Wendelin, und Severin und Jörgel riefen wie aus einem Munde: „Wir können ja mal suchen!“