„Einen Schatz graben soll aber gefährlich sein,“ flüsterte Wendelin; Brigittchen und Anne-Marte quiekten graulich: „Nein, nein, wir fürchten uns!“

„Vor was denn, ihr Mauerschwalben?“ fragte eine Männerstimme. Unten auf dem Promenadenweg stand ein Herr, der lachend die fünf auf der Mauer betrachtete. Jörgel erkannte seinen Onkel, Stadtrat Weber, in dem Spaziergänger und dachte, nun würde es Schelte geben, weil er auf der Mauer saß, doch der Onkel nickte ihm nur freundlich zu und ging weiter. Die fünf aber steckten die Köpfe zusammen und tuschelten und wisperten, große Pläne waren es, die sie schmiedeten, sie bekamen leuchtende Augen und heiße Wangen und beinahe wären sie zu spät zum Essen gekommen, so eifrig hatten sie miteinander beraten.

An diesem Nachmittag suchten Wendelin und Severin den Bäckergesellen Heine in der Backstube auf. Der war gerade aufgestanden, denn so ein armer Bäcker muß die Nacht zum Tage machen und umgekehrt. Ein bißchen knurrig und verschlafen sah Heine daher den Buben entgegen, kaum hatte er aber gehört, was sie wollten, da wurde er gleich putzmunter. An den vergrabenen Schatz hatte er nämlich schon lange gedacht, er meinte, etwas Wahres würde schon an der Geschichte sein, weil er sich aber nicht auslachen lassen mochte, hatte er noch mit niemand ernstlich darüber geredet. Auch war er recht furchtsam und meinte, ohne ein Gespenst könnte es beim Schatzgraben sicher nicht abgehen. „Heisa,“ dachte er nun, „vielleicht finden die Kinder wirklich den Schatz, dann bekommst du auch deinen Teil, und finden sie ihn nicht, na, dann bist du wenigstens nicht der Ausgelachte und geschehen kann dir auch nichts.“ Er gab also den beiden bereitwilligst Auskunft. „Der Schatz liegt sicher unter dem sogenannten Schwedenstein auf dem alten Klosterhof,“ sagte er, „dort grabt ihr einfach morgen, wenn es dunkel ist, ihr müßt halt so lange graben, bis ihr den Schatz findet!“

Wendelin und Severin nickten. Ja, das war schon recht einfach, wenn nur die Dunkelheit nicht gewesen wäre. Das Graben selbst beunruhigte sie nicht weiter, denn das Stück vom Klosterhof, auf dem sich der Schwedenstein befand — ein altes Steindenkmal, dessen Inschrift niemand mehr lesen konnte — war den Buben recht gut bekannt. Es war der Grasgarten, der an die Bäckerei stieß, ein stiller, verlorener Winkel, der auf der einen Seite vom Kreuzgang der Marienkirche begrenzt wurde. Obstbäume standen jetzt da, wo vor langen Zeiten fromme Mönche gewandelt waren, und die Frau Bäckermeisterin Gutgesell trocknete ihre Wäsche auf dem Platz.

Einen richtigen, wohlgepflegten Garten anzulegen, dazu hatte niemand recht Zeit im Bäckerhause; der Vater meinte, ein Grasgarten sei für die Buben gerade ein rechter Spielplatz, und an warmen Sommerabenden saß die Familie gern in der grünen Wildnis, es vermißte niemand gepflegte Wege und zierliche Blumenbeete.

„Warum nur abends, am Tage können wir doch gerade so gut graben?“ murrte Wendelin.

„Nee, das geht und geht nicht; wer einen Schatz graben will, der muß es in der Dunkelheit tun, sonst findet er ihn nicht, und der Mond muß scheinen, und der scheint morgen gerade, also ist’s recht,“ beharrte Heine. Der gute Heine war nämlich nicht allein furchtsam, sondern auch noch schrecklich abergläubisch, „es geht schon über die Hutschnur, wie sehr,“ pflegte der Altgeselle Martin zu sagen.

Wie töricht eigentlich der gute Heine mit all seinem Aberglauben war, das merkten freilich die Buben nicht, und sie glaubten ihm auf’s Wort. Sie seufzten zwar sehr, und der Gedanke an das nächtliche Schatzgraben legte sich ihnen wie eine Zentnerlast auf das Herz. „Uff,“ ächzte Wendelin, „das wird graulich,“ und Severin stöhnte herzbrechend.

Auch Jörgel, Anne-Marte und Brigittchen fanden die Sache sehr bedenklich. Zwei Tage lang gingen alle fünf mit sorgenvollen Gesichtern herum. Als aber am dritten Tage Tante Mathilde erzählte, man habe den Schwiegersohn vom alten Turmwärter Hippel ins Gefängnis gesteckt, da schluchzte Brigittchen bitterlich, und weinend sagte sie zu ihren Freunden: „Wir müssen den Schatz holen!“

Es traf sich, daß am nächsten Tage Doktor Fabian mit seiner Frau über Land fuhr, Brigittchens Vater war wieder verreist, so konnten die Kinder noch nach dem Abendessen in das Bäckerhaus eilen, ohne daß es jemand recht beachtete. „Komm rechtzeitig wieder,“ sagte Tante Mathilde zu Brigittchen, dann vertiefte sie sich in ein Buch und vergaß darüber die Zeit. Die Köchin Marie bei Doktor Fabian aber saß in der Küche und strickte, schlief darüber ein und merkte es auch nicht, daß die Kinder gar nicht heim kamen. Im Bäckerhause war an diesem Abend besonders viel zu tun; in Neustadt sollte am nächsten Tage ein Turnfest gefeiert werden, dazu waren viele große Apfel- und Pflaumenkuchen bei Meister Gutgesell bestellt worden, es hieß also fleißig bei der Arbeit sein.