Die Tage vergingen. Die Ferien kamen, es gab Zensuren und manch ein Bube ging an diesem Tag mit gesenktem Kopf einher und manches Mädel hatte verweinte Augen. Dann kam Palmsonntag, an dem die Konfirmanden mit lieblichem Ernst auf den jungen Gesichtern durch die Straßen gingen, und es den Kleinen, die die großen Geschwister so sahen, auch feierlich und fromm zu Mute wurde. Am Gründonnerstag suchten die fünf Schatzgräber, Jantge und noch einige Freunde und Freundinnen, bei den Geschwistern Fröhlich im Garten Eier. Zwischen den Blumen, in den Sträuchern, in kunstvoll aus Zweigen zusammengefügten Nestern, in den Winkeln des kleinen Gartenhauses, überall lagen die bunten Eier. Aber wären sie noch so versteckt gewesen, die Kinder hätten sie doch gefunden, die Lust war groß und Lachen und Rufen zog wie ein Frühlingslied durch den Garten.

Dann kam der Karfreitag, und das Städtchen lag in Stille und Schweigen, um am Ostersonnabend wieder zu neuem Leben zu erwachen. Da lag heller Sonnenschein über der Stadt, und alle Hausfrauen gingen auf den Markt, der auch bunt und frühlingsfrisch aussah. Die Kinder liefen mit auf den Markt, und sie taten so wichtig, als müßten sie an diesem Tag die ganze Wirtschaft daheim bestellen. In der Marienstraße und in der Langgasse, die nach dem Markte führte, war so viel Leben, daß die Bauersleute, die mit Waren zum Markt gekommen waren, nicht weiter konnten und über den Wirrwarr schalten. Aus den Häusern heraus strömte der Duft von frischgebackenen Kuchen, denn in Neustadt hielten die Hausfrauen noch fest an der alten Sitte, selbst Kuchen zu backen zu den Festzeiten.

Und wer es konnte, der trug einen Strauß Kätzchen oder Blumen in sein Haus und schmückte damit seine Stübchen. Brigittchen bekam von ihrem Vater die Erlaubnis, den Garten ein wenig zu plündern, und sie rannte am Nachmittag mit Anne-Marte in das Gertrudenspital, um Jantge die Blumen zu bringen. Da bekam jede der alten Frauen ein Zweiglein, Jantge verteilte liebevoll ihre Schätze, und es standen an jedem Fenster des Spittels zum Osterfest Blumen. So verging der Sonnabend unter Arbeit und fröhlicher Unruhe, und manch einer legte sich am Abend zufrieden mit dem Gedanken zu Bett: „Ach, morgen ist Feiertag!“

Der Ostersonntag dämmerte herauf. Der klare, fast wolkenlose Himmel verhieß einen schönen Tag. Noch lagen die Neustädter alle in tiefem Schlummer, als sich sacht die Tür des Doktorhauses öffnete und Anne-Marte vorsichtig ihr Näschen herausstreckte. Sie winkte still und geheimnisvoll dem nachfolgenden Bruder zu und deutete auf die andere Seite des Platzes; von dorther kamen auf den Fußspitzen, weil der laute Schall ihrer Schritte sie selbst erschreckt hatte, Wendelin und Severin. Sie grüßten stumm und ernsthaft die Freunde und alle schauten auf das Schön’sche Haus. Kam Brigittchen noch nicht?

Ein Weilchen später kam auch die Kleine heraus, auch ihr Gruß bestand nur in einem stummen Nicken. Jedes der Kinder trug einen Krug in der Hand, Anne-Marte hatte einen alten Milchtopf genommen und Severin eine Kaffeekanne, die Deckel und Schnauze verloren hatte.

In tiefem Schweigen gingen die Kinder durch die Gäßlein. Anne-Marte hatte ein großes, dickes Malzbonbon im Munde, das war ihr von Jörgel fürsorglich als gutes Mittel gegen unzeitiges Kichern empfohlen worden. Aber die feierliche Stille des Festmorgens dämpfte Anne-Martes Lachlust, ihr war es so geheimnisvoll, fast märchenhaft zu Mut, daß das Malzbonbon eigentlich überflüssig war.

Dicht am Gertrudenspital kam Jantge den Gefährten entgegen, sie trug einen bunten Tonkrug in der Hand und in ihren Blauaugen stand eine große Erwartung.

Am Wachtturm vorbei ging es zur Stadt hinaus. Klaus Hippel und Frau Paulinchen schliefen noch und ahnten nicht, daß ihre kleinen Freunde ihnen so nahe waren.

Etwa eine Viertelstunde von der Stadt entfernt lag am Rande des Waldes eine steinumfaßte Quelle, sie hieß die Bonifaziusquelle, weil die Sage ging, der fromme Heidenbekehrer hätte hier einst rastend einen mächtigen Fürsten zum Christentum bekehrt. Die Quelle war das Ziel der Kinder, dort wollten sie Osterwasser schöpfen.

Als sie aus der Stadt herauskamen und auf schmalem Wiesenpfade dem Ziel zuschritten, merkten sie erst, wie schön der Ostermorgen eigentlich war. Schon begann sich der Himmel zu färben, und ein Rosenschimmer verdrängte langsam die Farben der Nacht. Beinahe hätte Anne-Marte gesagt: „Die Sonne wird gleich aufgehen,“ aber im letzten Augenblick besann sie sich noch, und erschrocken stopfte sie noch ein zweites Riesenbonbon in ihren Mund. O, nur nicht lachen und sprechen, sonst wich der Zauber!