Selbst Jörgel hatte jetzt alle Zweifel verloren, sogar das Wunder der tanzenden Sonne erschien ihm nicht mehr unmöglich in dieser tiefen Morgenstille, in diesem seltsamen, fahlen Licht. War es nicht schon ein Wunder, daß Anne-Marte, die kleine Schwatzsuse, wirklich schwieg, als hätte sie überhaupt keinen Mund?

Der Himmel wurde röter, ein schimmernder Glanz verbreitete sich ringsum, und unwillkürlich liefen die Kinder schneller, um ja nicht zu spät zu kommen. Schon von ferne hörten sie das sachte Rieseln und Rauschen der Quelle, wie ein feines Singen klang es, wie ein Klingen aus Märchenland.

Da waren sie auch schon an der Quelle, deren Wasser rosenrot schimmerte im Widerschein des Morgenhimmels. Als lägen viele rote Rosen auf dem feuchten Grunde, so sah es aus. Um Wasser zu schöpfen, mußte jedes der Kinder auf ein schwankendes Brett steigen. Mit stummer Gebärde zeigte Jörgel, wie man das machen müßte; er ging zuerst, neigte sich und schöpfte seinen Krug voll Wasser. Nun folgten die Mädels, eine nach der andern; zaghaft schöpften sie, es war ihnen so feierlich zu Mute, und keiner kam ein Lächeln. Tief neigte sich Brigittchen über die Quelle, sie schöpfte langsam, andachtsvoll, und sie erstaunte fast, daß das Wasser im Krug nicht rosenfarben war.

Und immer glühender wurde der Himmel im Osten, wie Purpur leuchtete es und wie Gold, und der Wald begann zu glühen.

Severin war der letzte gewesen, der Wasser geschöpft hatte, nun stand er still auf dem schwankenden Brett und starrte in das Morgenrot; er wußte nicht, daß kein Mensch mit bloßen Augen lange in dieses helle Licht schauen kann, und auf einmal begann es ihm vor den Augen zu flimmern, er sah lauter tanzende, rote, glühende Punkte. Darüber vergaß er sein Gelübde zu schweigen, er schrie: „Die Sonne tanzt, die Sonne tanzt, es ist doch wahr!“

Er schwenkte seinen Krug, hob ein Bein, als wollte auch er tanzen, und — plumps — lag er im Wasser.

Ein fünfstimmiger Entsetzensschrei erscholl. So blitzschnell war alles gegangen, Severins Rufen und sein Fall, daß keins der Kinder recht wußte, wie eigentlich alles geschehen war. Sie riefen und schrieen durcheinander, die Krüge mit Osterwasser fielen zu Boden, alle griffen sie nach Severin und zogen den vor Schreck ganz stumm gewordenen Buben aus dem Wasser heraus.

„Unser Osterwasser!“ klagte auf einmal Jantge, und nun fiel es allen erst ein, daß ihr Weg vergeblich gewesen war. Und naß waren sie, und dazu froren sie; Brigittchen hatte sich das Wasser über das Kleid geschüttet; Jörgel und Wendelin waren in ihrem Eifer, Severin zu retten, auch bis an die Knie ins Wasser geraten, und so war ihnen alle feierliche Osterstimmung vergangen. Selbst Anne-Marte, trotzdem sie im ersten Schreck ihr Malzbonbon ausgespuckt hatte, kicherte nicht, sondern heulte, Brigittchen zur Gesellschaft mit. Wendelin schalt auf seinen Bruder, und der, der vor Frost nur so klapperte, rief weinerlich: „Sie haa—at do—o—och ge—getanzt!“

„So dumm, so dumm,“ klagte Wendelin, und mit ihm klagten und jammerten die anderen auch. Daß die Sonne inzwischen in vollem Glanz emporgestiegen war und ihr strahlendes Licht alles überflutete, merkten sie gar nicht; sie hörten auch nicht die Vogelstimmen, die laut wurden. Der Jammer war zu groß.

Auf einmal sagte Jörgel: „Dort kommt ein Mann!“ Jantge kreischte erschrocken auf, und etwas bedenklich sahen die Kinder dem Näherkommenden entgegen, der einen großen Stock schwenkte und zu rufen begann. Und jäh empfanden sie alle die Einsamkeit der Morgenstille mit leisem Schauern, so allein fühlten sie sich. Wer es zuerst gesagt hatte, sie wollten ausreißen, wußte nachher niemand mehr, aber plötzlich liefen sie alle miteinander wie Hasen, die den Jäger kommen sehen.