Der goldene Groschen.

In der Vorstadt draußen, schon dicht am freien Felde, wohnten Liesel und Peter nachbarlich zusammen. Liesels Vater war Stadtrat und Peters Vater besaß eine kleine Gärtnerei. Daß Liesels Vaterhaus eine hübsche Villa war, und Peter in einem kleinen Häusel wohnte, bei dem das Dach schon auf dem Erdgeschoß saß, beeinträchtigte die Freundschaft nicht. Eine Lücke war im Gartenzaun, durch die man hinüber und herüber spazieren konnte, und dies taten die Kinder redlich, und so stand denn auch Peterle an einem sonnenwarmen Frühlingstag am Gartenzaun und rief: „Du, Liesel, komm einmal rasch her, ich muß dir was Feines erzählen!“

Neugierig kam diese näher. „Was gibt es denn?“

„Jahrmarkt ist, Liese,“ sagte Peter, und seine Augen leuchteten. „Komm mit, wir gehen zusammen hin!“

„Ich darf nicht allein in die Stadt, und die Eltern sind fort, die kann ich nicht fragen,“ sagte Liesel traurig.

„Ach was,“ rief Peter, „ich darf eigentlich auch nicht; aber nur mal hinlaufen, das schadet doch nichts. Mutter will morgen mit mir hingehen, weil schulfrei ist; aber morgen ist noch so schrecklich lange. Komm nur, es merkt’s niemand; ich habe auch Geld, einen Groschen, da kaufen wir uns Schmalzkuchen oder fahren Karussell. Hast du auch Geld?“

„Ja,“ sagte Liesel eifrig, die noch ein rechtes Dummerchen war und den Wert des Geldes wenig kannte, „ich habe viel Geld. Onkel Fritz hat mir einen Groschen geschenkt, aber einen goldenen. Doch mitgehen darf ich nicht.“

„Hasenfuß,“ sagte Peter spöttisch; „was dabei ist, nur mal hingehen! Es ist ja nicht weit, und dann gleich wieder zurück; das merkt doch niemand.“

Hasenfuß mochte Liesel sich nicht gern nennen lassen; unschlüssig stand sie da und überlegte. Sollte sie gehen? War es nicht sehr unartig? Da bat Peter wieder: „Nur einmal hingehen, bloß fünf Minuten vor dem Kasperletheater stehen.“ Liesel ließ sich überreden; sie holte rasch den goldenen Groschen, der in einem kleinen, hübschen Beutel steckte, und rannte dann mit Peterle dem Jahrmarktsplatz zu.