Nur ein Weilchen überlegte Liese; dann holte sie rasch ihren goldenen Groschen hervor und legte ihn in den Hut des Mannes, und dann lief sie, so schnell sie konnte, davon, noch ehe der überraschte Alte ihr hatte danken können. Am Karussell standen wieder die bösen Buben; Liesel traute sich nicht heran; und so rannte sie denn ohne Peterle nach Hause.
Es hatte auch wirklich niemand ihre Abwesenheit bemerkt, aber die Kleine konnte nicht so vergnügt wie sonst spielen; immer mußte sie an ihr heimliches Fortlaufen denken. Nicht wie sonst konnte sie Vater und Mutter erzählen, was sie am Nachmittag getan hatte, und der Eierkuchen, den es zum Abendbrot gab, schmeckte lange nicht so gut wie sonst. Als sie dann in ihrem weichen, weißen Bettchen lag, kam die Mutter zu ihr. Sanft strich sie der Kleinen über die Wangen und sagte: „Fehlt meinem Herzenskind etwas?“
Da stürzten heiße Tränen aus Liesels Augen, und schluchzend beichtete sie der guten Mutter ihre Schuld; auch von dem goldenen Groschen und dem armen, alten Manne erzählte sie.
Ernst hörte die Mutter zu; dann nahm sie ihr kleines Mädel zärtlich in ihre Arme und sagte: „Daß du dem armen Manne Geld gabst, freut mich, und weil es dir leid tut, daß du ungehorsam warst, will ich dir verzeihen. Nun laß uns zusammen beten, mein Liebling.“
Da faltete Liesel ihre Händchen, sprach ihr Abendgebet und schlief dann ruhig und friedlich ein, froh, daß sie ihre Schuld der Mutter gestanden hatte.
Am nächsten Morgen, als Liesel gerade ihre Milch trank, kam die Köchin aufgeregt in das Zimmer und schrie: „Ein Polizist ist da, hu! ich graule mich, und er sagt, er will unsere Liesel holen!“
Die Kleine schrie laut auf vor Schreck und wutsch! kroch sie, so schnell sie konnte, unter den Tisch. Sie riß in der Eile das Tischtuch mit herab, und klirrend und krachend fielen Milchtasse, Zuckerdose und Brotkorb und was sonst noch auf dem Tische stand, auf die Erde; hätte die Erde ein Loch gehabt, gewiß wäre das Liesel mit Vergnügen hinein gekrochen. Plötzlich bekam Liesel recht seltsame Gesellschaft unter dem Tisch: ein kleines, braunes Äffchen saß auf einmal neben ihr und griff sehr vergnügt nach einem Butterhörnchen, das es zu fressen begann.
„Liesel, Kind, komm doch hervor!“ rief die Mutter und zog ihr weinendes Töchterchen aus seinem Versteck heraus, während das Äffchen von einem alten Manne gepackt wurde, der kein anderer war als der Bettler vom Jahrmarktsplatz. Und da stand auch wirklich ein Schutzmann mitten im Zimmer, und Liesel verkroch sich angstvoll hinter der Mutter Kleid.
„Da ist die Kleine, die mir das Goldstück gegeben hat,“ sagte der alte Mann; „ich habe es wirklich nicht gestohlen.“
Nun klärte sich die ganze Sache auf. Am vergangenen Nachmittag war auf dem Jahrmarktplatz gestohlen worden, und als Hartmann, so hieß der Alte, sein Goldstück in einem Wirtshaus am Platz wechseln wollte, hatte man ihn als Dieb festgenommen. Man wußte, daß er ganz arm war, dazu hatte er lange neben der Bude, in der gestohlen worden war, gestanden; so hielt man den armen Alten für den Dieb. Es war gut, daß eine Frau Liesel erkannt und auch gesehen hatte, wie sie ein Geldstück in den Hut warf, sonst hätte Hartmann vielleicht noch lange unter dem bösen Verdacht gestanden. Die Eltern und Liesel versicherten dem Schutzmann, daß das Goldstück wirklich ein Geschenk sei. „Na,“ meinte der Schutzmann zufrieden, „dann leben Sie nur wohl; nun kann ich ja gehen, da alles in Ordnung ist.“ Er ging; der alte Hartmann aber mußte noch bleiben. Die Mutter holte ein gutes Frühstück herbei, und während er aß, erzählte er von seinem Leben. Durch schwere Krankheit war er in Not geraten, und da er nicht mehr ordentlich arbeiten konnte, zog er als Leierkastenmann umher, um sich sein Brot zu verdienen. Vor einigen Wochen war ihm sein Leierkasten kaput gegangen, und er besaß kein Geld, um sich einen neuen zu kaufen; seitdem ging es ihm sehr schlecht. Manchen Abend habe er hungrig zu Bett gehen müssen, er und sein Äffchen Jolly, sein treuer, kleiner Freund.