Brigittchen war es, die die Freundin holen kam und nun betroffen deren Tränen sah. „Wir wollen spazieren gehen, alle miteinander, Herr Doktor Fröhlich und Tante Helene haben uns eingeladen,“ sagte sie, „aber wenn du weinst, Jantge — dann freue ich mich auch nicht.“ Schon tropften dem weichherzigen Brigittchen auch ein paar Tränlein aus den Veilchenaugen.

Zur rechten Zeit kam Anne-Marte und, wie meist, stand ein Lächeln auf ihrem Gesichtchen. Als sie Jantges Tränen sah, tröstete sie: „Weine nicht, Jantge, acht Tage sind ja noch schrecklich lang; inzwischen — ach vielleicht finden wir bis dahin den Schatz!“

Die Erinnerung an die lustige Geschichte vertrieb wirklich die Tränen, wie der Frühlingswind die Wolken verjagt, und wenige Minuten später trabte Jantge ganz lustig mit den Gefährtinnen dem alten Stadtturm zu; dort warteten die Geschwister Fröhlich und die drei Buben auf sie. Und unter Lachen und Scherzen ging es ins Freie, dem Walde zu. Am Waldrand, etwa anderthalb Stunden von Neustadt entfernt, lag in der Nähe eines stattlichen Bauerndorfes eine Sommerwirtschaft, „Zur fröhlichen Einkehr“ genannt. Das Haus war ursprünglich ein alter Adelshof gewesen, doch die Familie, die den Hof besessen hatte, starb aus, und so gegen Anfang des neunzehnten Jahrhunderts wurde der Hof in ein Wirtshaus verwandelt. Viel war im Lauf der Zeiten an dem Haus nicht verändert worden, und seine dicken Mauern schienen auch noch manchem Sturm trotzen zu können. Die Neustädter gingen gern in die „Fröhliche Einkehr“. An warmen Sommertagen saßen in dem von uralten Linden überschatteten Garten immer viele Gäste; man trank dort Kaffee, aß Kuchen oder Schwarzbrot mit Butter und Honig, und das Scheiden wurde den Gästen meist schwer.

Die Kinder kannten das Wirtshaus alle, nur Jantge noch nicht, und unterwegs erzählte ihr Brigittchen, wie schön es dort sei. „Jetzt im Frühling muß es besonders schön sein,“ sagte Fräulein Helene, „ich habe es nur im Winter gesehen, und da war es eigentlich ein trauriges Haus; die beiden Kinder der Wirtsleute lagen schwerkrank, hoffentlich sind sie gesund geworden!“

„Wer hat dich, du schöner Wald,“ sangen jetzt die Buben mit heller Stimme, die am Anfang des Zuges marschierten und zuerst den Wald betraten.

Hurra, da war der Wald! Wie schön sah er im Frühlingsschmuck aus; lichtgrüner Buchenwald drängte sich zwischen dunklen Tannenwald. An manchen Stellen liefen die Buchen wie vorwitzige Kinder in den Tannenwald hinein, und da und dort standen auch Eichen. Die hatten erst winzige, rotgoldene Blättchen, ja, wunderlich genug sah es aus, mitunter hielten sie noch zähe die Reste ihres vorjährigen Laubes fest.

„Wir wollen Maiblumen suchen,“ baten die Mädels, aber Doktor Fröhlich sagte: „Spart das lieber für den Heimweg auf, wir bringen sonst alle Blumen verwelkt nach Hause!“

„Mädels müssen doch immer Blumen suchen,“ brummte Wendelin etwas verächtlich.

„Warum auch nicht!“ sagte Fräulein Helene lachend. „Übrigens sind Maiblumen meine Lieblingsblumen, nur schade, daß sie giftig sind!“

„Giftig?“ rief Brigittchen ganz erstaunt.